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Wacker, wacker nach oben

Eine wirklich ausgefallene Idee hatte Tobias Lutzi. An der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Uni Köln hat er doch glatt seine Übung im Strafrecht in Reimen verfasst. War das Handy nun gestohlen oder nicht? Schaut mal, was er spricht:

Recht im Reim nach oben

Recht im Reim

Wohl in mühevoller Kleinarbeit zusammengestellt finden sich auf dieser Seite etliche Rechtssprechungen in gereimter Form. Ein Muss für jeden Juristen!

Noch mehr Reim im Recht nach oben

Noch mehr Reim im Recht

Eine kleine aber feine Sammlung von jursitischen Ackergängen.

ArbG Detmold, 23.08.2007 - 3 Ca 842/07 nach oben

ArbG Detmold, 23.08.2007 - 3 Ca 842/07

ArbG Detmold, 23.08.2007 - 3 Ca 842/07

Gericht:
ArbG Detmold (3. Kammer)
Datum:    23.08.2007
Aktenzeichen:    3 Ca 842/07
Entscheidungsform:    Urteil
Fundstellen:    NJW 2008, S. 782 f.
Verfahrensgang:    nachfolgend: LAG Hamm, 21.02.2008 - 8 Sa 1736/07

Tenor:

Die Klage wird abgewiesen.
Die Kosten des Rechtsstreits trägt die Klägerin.
Streitwert: 7.000,00 €


Tatbestand:

Der Streit entstand, weil der Beklagte
im Rechtsstreit (ArbG Detmold 1 Ca 1129/06) vorzutragen wagte,
was nun der Klägerin sehr missfällt.
Sie fordert deshalb Schmerzensgeld.
Dass der Beklagte schweigen soll
verlangt sie ferner voller Groll.

Was ist der Grund für ihre Klage?
Nun, der Beklagte hat in ......
einst einen Spielbetrieb besessen.
Die Klägerin ihrerseits indessen
erhielt - als Aufsicht eingesetzt -
für diese Tätigkeit zuletzt
als Stundenlohn, wie man das kennt
nur sieben Euro und 11 Cent.

Oft kamen dorthin manche Kunden
erst in den späten Abendstunden,
um sich - vielleicht vom Tagesstress
beim Spielen auszuruh’n. Indes
behauptet nunmehr der Beklagte,
dass es die Klägerin dann wagte,
so neben ihren Aufsichtspflichten
noch andere Dinge zu verrichten:

so habe sie sich nicht geniert
und auf dem Hocker masturbiert.
Was dabei auf den Hocker troff
befände sich im Hockerstoff.
Die Spielbar sei aus diesem Grunde
als „Russenpuff“ in aller Munde.
Er habe zwar nun dies Geschehen
nicht selbst vor Ort mitangesehen.

Doch hätten Zeugen ihm beschrieben,
was dort die Klägerin getrieben.
Er kündigte aufgrund der Kunde
der Klägerin aus andrem Grunde,
um - dies ließ er jedoch betonen -
den Ruf der Klägerin zu schonen.
Die Klägerin klagte dann sogleich. (ArbG Detmold 1 Ca 1129/06).
Man einigte sich im Vergleich
- hier mag man die Parteien loben -
denn der Vertrag ward aufgehoben
und - um die Sache abzurunden -
die Klägerin noch abgefunden.

Der Klägerin reichte dies nicht hin,
denn ihr steht noch nach Mehr der Sinn.
Sie habe nie vor all den Zockern
sich selbst befriedigt auf den Hockern.
Der Pein, die man ihr zugefügt,
der werde nur durch Geld genügt.
Die Lügen - für sie nicht zu fassen -
muss der Beklagte unterlassen.

Die Klägerin beantragt,

1. den Beklagten zu verurteilen, an die Klägerin 3.000,00 € nebst 5 % Zinsen über dem Basiszinssatz seit dem 31.03.2007 zu zahlen;

2. den Beklagten zu verurteilen, es zu unterlassen, zu behaupten, dass die Klägerin mehrfach sexuelle Handlungen nach Dienstschluss in der Diensthalle der Fa. ... GmbH vorgenommen habe;

3. dem Beklagten anzudrohen, dass für jeden Fall der Zuwiderhandlung ein Ordnungsgeld bis zur Höhe von 250.000,00 EUR oder eine Ordnungshaft bis zu 6 Monaten gegen ihn festgesetzt wird.

Der Beklagte beantragt,

die Klage abzuweisen.

Er meint, es fehle dieser Klage
der Grund, dies stehe außer Frage.
Er habe nichts etwa „erdichtet“
nein, nur in dem Prozess (ArbG Detmold 1 Ca 1129/06) berichtet -
und so die Kündigung begründet -
was vorher Zeugen ihm verkündet
und diesen habe er geglaubt.
Dies sei ihm doch wohl noch erlaubt.

Was nun die Klägerin bestreitet,
das habe er auch nie verbreitet.
Er habe doch nur im Prozess
berichtet wie gehört. Indes:
er könne schließlich nach Belieben
was dort die Klägerin getrieben
beweisen: erstens durch die Zeugen;
die würden sicher nichts verschweigen
Und zweitens durch den Stoffbezug
des Hockers, die die Klägerin trug.
Er reichte ihn - den gut verpackten -
bereits zu den Verfahrensakten (ArbG 1 Ca 1129/06 Pl. Hülle Bl. 30),
auf dass nunmehr die Analyse
der Klägerin Tun exakt bewiese.

Was die Parteien noch so sagen
ist in der Akte nachzuschlagen.

Entscheidungsgründe:

Die Klage - wie die Kammer findet -
ist vollumfänglich unbegründet.

1.

Auch wenn’s der Klägerin missfällt:
es gibt für sie kein Schmerzensgeld;
denn der Beklagte durfte hier
sich äußern, wie er’s tat. Dafür
gilt dies hier nur in den Verfahren -
sonst darf er auch nichts offenbaren.

Er hat - um auf den Punkt zu kommen -
insoweit etwas wahrgenommen,
was der, der die Gesetze kennt
„berechtigtes Interesse“ nennt. (vgl. § 193 StGB.)
Zwar könnte man zu Recht hier fragen:
darf man denn einfach etwas sagen,
wenn man es nur von anderen hört
und dies wen es betrifft empört?
Besteht nicht wenigstens die Pflicht,
dass man sich informiert und nicht
leichtfertig irgendwas verbreitet,
was anderen Verdruss bereitet?

Dass der Beklagte so ganz „locker“
erfand das Treiben auf dem Hocker,
er also nicht aus Zeugenmunde
erfuhr die „sexuelle Kunde“,
hat selbst die Klägerin nicht erklärt.
So war es ihm auch nicht verwehrt
die Kunde für sich selbst zu nützen,
hierauf die Kündigung zu stützen.
Die Klägerin hat nämlich nicht
bestritten, dass hier ein Bericht
der Zeugen stattfand, der Beklagte
nur wiedergibt, was man ihm sagte.
Auch dafür, dass die beiden Zeugen
persönlich vielleicht dazu neigen
bewusst die Unwahrheit zu sagen
ward im Prozess nicht vorgetragen.
So musste der Beklagte nicht
misstrauen ihrem Tatbericht
um selbst der Sache nachzugehen
was in der Spielbar so geschehen.
Nur wenn sein Ziel war zu verletzen,
die Klägerin herabzusetzen,
sie zu verleumden, zu entehren
war ihm dies deutlich zu verwehren.
Kurz: es kommt letztlich darauf an,
ob’s der Beklagte selbst ersann,
er also gleichsam phantasierte,
wie sich die Klägerin gerierte.

Und deshalb bleibt auch unergründet,
was sich im Hockerstoff befindet
und ob die Zeugen sah’n und hörten,
was dem Beklagten sie erklärten.
Nein, der Beklagte muss mitnichten
ein hohes Schmerzensgeld entrichten.

2.

Auch unbegründet - ohne Frage -
ist hier die Unterlassungsklage.
Die Klägerin hat nicht vorgetragen,
dass der Beklagte sozusagen
nun coram publico beschrieben
was auf dem Hocker sie getrieben.
Nur im Prozess hat er erklärt,
was jetzt die Klägerin empört.
Das durfte er - wie dargestellt,
womit natürlich das entfällt,
was letztlich Grund der Klage war:
die zu befürchtende Gefahr,
dass der Beklagte überall
herumerzählt den „Hockerfall“,
bestrebt ist, unter allen Leuten
was man ihm zutrug zu verbreiten.

Die Kosten, dies bleibt noch zu sagen;
sind von der Klägerin zu tragen. (vgl. § 91 ZPO)

Der Streitwert war nach den Gesetzen (vgl. §§ 61 Abs. 1 ArbGG, 3 ZPO, 23 Abs. 3 RVG) -
wie hier geschehen - festzusetzen.

URTEIL VOM 21.06.1995, AZ. 8 CS 47 JS 655/95, 8 CS 47 JS 96/95 nach oben

URTEIL VOM 21.06.1995, AZ. 8 CS 47 JS 655/95, 8 CS 47 JS 96/95

STRAFRECHT IN REIMEN
A HÖXTER, URTEIL VOM 21.06.1995, AZ. 8 CS 47 JS 655/95, 8 CS 47 JS 96/95

GEGENSTAND

Der Angeklagte fuhr trotz einer BAK von 1,11 Promille mit seinem Kfz. Er wurde - unter Einziehung seines Führerscheins - zu einer Geldstrafe verurteilt.

Das Gericht nutzte die Gelegenheit, um seinem (vermeintlichen) dichterischen Talent freien Lauf zu lassen. Der Anwalt des Angeklagten reagierte auf dieses Urteil ebenfalls in Reimform.

Fundstelle:  NJW 1996, 1192-1193

ENTSCHEIDUNG

Am 3. 3. 95 fuhr mit lockerem Sinn
der Angeklagte in Beverungen dahin.

Daheim hat er getrunken, vor allem das Bier
und meinte, er könne noch fahren hier.

Doch dann wurde er zur Seite gewunken.
Man stellte fest, er hatte getrunken.

Im Auto tat's duften wie in der Destille.
Die Blutprobe ergab 1,11 Promille.

Das ist eine fahrlässige Trunkenheitsfahrt,
eine Straftat, und mag das auch klingen hart.

Es steht im Gesetz, da hilft kein Dreh,
§ 316 I und II StGB.

So ist es zum Strafbefehl gekommen.
Auf diesen wird Bezug genommen.

Der Angeklagte sagt, den Richter zu rühren:
„Das wird mir in Zukunft nicht wieder passieren!"

Jedoch es muß eine Geldstrafe her,
weil der Angeklagte gesündigt, nicht schwer.

30 Tagessätze müssen es sein
zu 30,- DM. Und wer Bier trinkt und Wein,
dem wird genommen der Führerschein.

Die Fahrerlaubnis wird ihm entzogen,
auch wenn man menschlich ihm ist gewogen.

Darf er bald fahren? Nein, mitnichten.
Darauf darf er längere Zeit verzichten.

5 Monate Sperre, ohne Ach und Weh,
§§ 69, 69a StGB.

Und schließlich muß er, da hilft kein Klagen,
die ganzen Verfahrenskosten tragen,

weil er verurteilt, das ist eben so,
§ 465 StPO.

Dr. Hohendorf, Richter am Amtsgericht

Der Mandant, einerseits zufrieden,
andererseits ein wenig beklommen,
hat den Urteilsspruch vernommen.

Im Hinblick auf die Sach- und Rechtslagen,
die allseits bekannten,
und nach Rücksprache mit dem Mandanten

tu ich hiermit kund für alle in der Rund',
für Staatsanwaltschaft und Gericht:
Rechtsmittel einlegen - tun wir nicht.

Holle, Rechtsanwalt

Reimdatenbanken im Vergleich nach oben

In diesem Dokument bieten wir einen kleinen Überblick über deutschsprachige Reimwörterbücher und Reimdatenbanken. Diese Bibliographie entstand im Zuge der Entwicklung von ECHTREIM, einer algorithmisch erzeugten Reimdatenbank der deutschen Sprache. Interessehalber wurden auch die wichtigsten englischsprachigen Reimdatenbanken mit aufgenommen. Im Anschluss an die Bibliographie haben wir eine Gegenüberstellung aller uns bekannten deutschsprachigen Reimdatenbanken aufgeführt. Anhand eines Beispielwortes wird gezeigt, welche Techniken in den unterschiedlichen Projekten Verwendung finden und welche Reimdatenbanken besser sind als ihre Konkurrenten.

Robert Leclercq: Aufgaben Methode und Geschichte der wissenschaftlichen Reimlexikographie nach oben

Robert Leclercq: Aufgaben Methode und Geschichte der wissenschaftlichen Reimlexikographie

Robert Leclercq: Aufgaben Methode und Geschichte der wissenschaftlichen Reimlexikographie. Editions Rodopi N.V., Amsterdam 1975.

Mit gewisser Ehrfurcht sind wir auf dieses Buch aufmerksam geworden und hatten gehofft, darin Fragen und Antworten in der Beschäftigung mit der Reimlexikographie im Allgemeinen zu finden. Nachdem ich durch das Buch durch bin, bleibt ein mageres Fazit: Das Buch hält bei Weitem nicht, was es in seinem Titel verspricht. Leclercq hat in seiner Arbeit letztlich autorenbezogene Reimwörterbücher für mittelhochdeutsche und frühneuhochdeutsche Literaten im Visier. Seine allgemeinen Einführungen schmoren zu sehr im eigenen Saft. Über die Auseinandersetzung mit Reimlexikographie außerhalb seines engen Fokus erfährt man in diesem Buch nichts. Das eine oder andere Zitat könnte man vielleicht aus dem Kontext reißen und in das große Feld der Reimlexikographie stellen, dann ist aber leider auch schon Ende.

Der Steputat - rezensiert von Kurt Tucholsky nach oben

Das Reimlexikon - Kurt Tucholsky

Reimlexikon

Genie ist Fleiß

Merkwürdig: wir wissen alle, daß es so etwas gibt. Wir wissen auch alle, daß es bei Reclam erschienen ist. Aber dann ist es aus, denn in der Hand hats selten jemand gehabt, und wenn ich nur den erwischen könnte, ders schon einmal angewendet hat! Der erste Eindruck ist überwältigend. Ein ganzes Buch mit Reimen! Und richtig geordnet, so wie sich das gehört: die auf -afer stehen zusammen und die auf -obeln und die auf -under. Nun Dichter, auf den Plan! Der Verfasser, ein Regierungsrat und Doktor juris, hats ganz ernsthaft gemeint, als er sich diese Höllenarbeit machte. Er belehrt uns in der Vorrede über die Historie der Reimlexika, und erzählt uns auch von einem bösen Vorgänger, der sich den Ruhm, das dickste Reimlexikon geschrieben zu haben, damit erschlich, daß er zum Beispiel bei den Reimen auf -aut sechshundertundfünfzig Krautarten aufzählt. Pfui!

Wir hingegen arbeiten ehrlich, und los gehts. Was eigentlich losgehen soll, ist nicht ganz klar. Das Dichten? Jedenfalls, denn zum handlichen Gebrauch ist das Büchlein hergestellt. Es ist ja nun billig, sich darüber lustig zu machen - und wir sind uns genügsam klar, daß es so nicht geht. Schön. Aber man kann darin lesen. Ganz ernsthaft lesen, so, wie man übrigens im Büchmann lesen kann oder im Brockhaus oder in dergleichen Institutionen, die sehr zu Unrecht immer nur für die trockene Praxis aus den Regalen geholt werden.

Es fällt einem schon so allerhand ein, wenn man im Reimlexikon liest. Der Reim - was das für eine ulkige Sache ist! Wie so ein Gleichklang am Schluß dem Ding gleich einen andern Aspekt gibt! »Der Segen, der Degen, allerwegen, wogegen.« Nun bloß noch ein bißchen Sinn: und das Gedicht ist fertig. Doch - es ist fertig. Man lese einmal so einen Abschiedsbrief eines Mannes an seine Geliebte (die er nachher erschoß).

Vergißmeinnicht

Behüt Dich Gott, geliebtes Kind,
In Deinen Locken spielt der Wind,
Das Hündlein wedelt, springt und bellt,
Dein Mut ist frisch und schön die Welt,
Behüt Dich Gott!
Behüt Dich Gott in Freud und Leid,
Behüt Dich Gott in Ewigkeit!

Na? Dem und ihr mochte doch sicher gleich sein, was da drin stand - aber daß man die Zeilen so schön absetzen mußte und der geliebte Gleichklang: das wars, was das Herz bewegte! Immer klappts aber nicht im Lexikon, das muß ich schon sagen. Oder sind das vielleicht Reime, die ich doch für meine vierzig Pfennige verlangen kann? Die Proklamation, Die Aktion, Die Insurrektion: das reimt sich - aber Reime sinds doch nicht. Und was die Wörter mit der Endsilbe -ung angeht, nein, da tu ich nicht mit. Der Rösselsprung und Die Begüterung und Die Einigung und Die Beglaubigung - mein Geld möcht ich wiederhaben, mein Geld!

Und beim Blättern stoß ich auch auf den lieben alten Operettenreim -ieren. Ach, welche Couplets tauchen auf, wenn ich so lese: Ich erfriere, ich geniere, ich dressiere - amüsieren, animieren, kommandieren . . . ! Offenbach, Cancan, -ieren -ieren -ieren -ieren . . . !

Manchmal reimt das Lexikon auch allein: In betreff - der Chef - das Reff. Oder: Der Floh - froh - inkognito - irgendwo - oh! - roh - schadenfroh - so - das Stroh - der Studio - ein Trikot - wo? Das ist der Liebig-Extrakt, und jeder kann sich seine Bouillon davon kochen.

Peter Panter
Die Schaubühne, 09.07.1914, Nr. 27, S. 35.

Günter Pössiger: Das große Reimlexikon nach oben

Günter Pössiger: Das große Reimlexikon

Titelbild Günter Pössinger: Das große Reimlexikon

Günter Pössiger: Das große Reimlexikon. Wer dichten will, muss Reime finden. Anleitung für Hobby- und Gelegenheitsdichter. Wilhelm Heyne Verlag München, 4. Aufl. 2002

Über Pössiger selbst, der unter anderem auch eine Sammlung der schönsten Kinderlieder und der schönsten Seemannslieder herausgegeben hat, lässt sich zunächst reichlich wenig erfahren. Seinen weiteren Publikationen nach zu urteilen, ist er mehr oder weniger als Anthologist mit gutem Gespür für verkaufsträchtige Titel hervorgetreten, von denen jedoch das Reimlexikon die bekannteste Publikation sein dürfte. Geboren wurde Pössiger am 20.10.1930 in Altenburg und lebt in München.

 

Bei Pössigers Reimlexikon handelt es sich um eines der meist verwendeten Reimlexika überhaupt, da es aufgrund seines Umfangs von gut 750 Seiten den knappen Reclam-Band, begründet von Willy Steputat, deutlich überbietet und auch sonst einen brauchbaren Ersteindruck hinterlässt. In seinem schmalen Vorwort rechtfertigt Pössiger zunächst anhand des Sprachwandels die Veröffentlichung seines neuerlichen Reimlexikons in der Erstauflage von 1988. Seit der Entstehung der großen Reimlexika im 19. Jahrhundert sei mittlerweile so viel Zeit verstrichen, so Pössiger, dass diese gar nicht mehr den heutigen Sprachstand abdecken könnten. Nur ein neues Wörterbuch könne das Bedürfnis des heutigen Dichters befriedigen. Welchen Dichter Pössiger dabei im Visier hat, macht bereits der Untertitel seines Reimlexikons deutlich: Der Autor versteht sein Reimlexikon als „Anleitung für Hobby- und Gelegenheitsdichter“.

Dieser einleitenden Rechtfertigung folgt nach einer kurzen Skizze der inhaltlichen Schwerpunkte und Auslassungen (Pössiger verzeichnet neben der Standardlautung auch dialektale Lautungen und Begriffe) dann die Anleitung zur Verwendung des Reimlexikons an sich. Da er sich in seiner Anordnung stark an seinen Vorgängern orientiert, ist diese Beschreibung klar und deutlich und fordert vom Leser des Reimlexikons letztlich nur die Abstraktion, den Verweisen auf andere orthographische Gruppen zu folgen, die gleichlautend mit dem gesuchten Reimwort sind. Alle Reimgruppen sind zunächst nach dem letzten betonten Vokal in der Reimgruppe sortiert. Die Vokallänge gibt Pössiger mit einem Doppelpunkt hinter dem entsprechenden Vokal an, auch das ist historisch bereits eingeführt und überfordert den Nutzer des Lexikons nicht. Leider fehlt diese Markierung in den Verweisen.

Testwort „testen“

Reimwörter auf das Wort „testen“ findet man demnach zunächst unter der Reimendung „-esten“ im Abschnitt „e“ (da „e“ der letzte betonte Vokal der Reimendung ist). Dort finden sich die folgenden Reime: Digesten, Gebresten, Molesten, Regesten, Westen (mit den Komposita Nordwesten, Südwesten, Wilder Westen), besten, testen, verpesten. Direkt im folgenden Abschnitt finden sie die Reime auf -eßten: betreßten, preßten, streßten. Die Wörter zeigen, was eine schmale Bemerkung auf den ersten Seiten des Bandes bereits eingeführt hat: „Auf Wunsch des Autors wurde für Das große Reimlexikon die Regelung der alten Rechtschreibung beibehalten."

Von den Reimendung -esten und -eßten aus verweist das Reimlexikon auf -ästen und -äßten, die aufgrund ihres anders lautenden Reimvokals weiter vorne im Buch zu finden sind. Folgt man diesen Verweisen, so finden sich unter -äßten die Reime Ästen, Gästen, ästen (mit den Komposita abästen, entästen), glästen und mästen (mit dem Kompositum anmästen).

Weiterhin werden unter -äßten die Reime genäßten (mit Kompositum angenäßten) und näßten (mit den Komposita benäßten und durchnäßten) angeboten.

Neben den reinen Verweisen auf gleichklingende Reimendungen verweist Pössiger auch auf ähnliche Reimgruppen. Folgt man auch diesen Verweisen, dann findet man unter -äste auch noch den Verweis auf „Paläste“, welches sich im Plural „Palästen“ ebenfalls als Reim auf „testen“ ausgestalten lässt. Jedoch zeigt dieser Fall bereits, dass das Reimlexikon in sich nicht schlüssig ist, denn unter -ästen sucht man nach den "Palästen" vergeblich. Bleibt man hartnäckig und folgt auch den anderen ähnlichen Reimgruppen, so lassen sich auch noch einige Komposita auf bereits definierte Reime konstruieren (Drittbesten, Schwimmwesten, festen). Beim Wort „Geste“, auf das man den Reim „Gesten“ konstruieren könnte, wird deutlich, dass die unmarkierte Einbindung dialektaler Aussprachen problematisch ist. Die Standardlautung des Wortes ist nun einmal mit langem Vokal und nur im Niederdeutschen findet sich die Variante mit kurzem Vokal.

Pössigers Reimlexikon ist mittlerweile so weit verbreitet, dass man es zu günstigen Konditionen gebraucht erwerben kann. Selbst der Neupreis von knapp 10,- € stellt keine wirklich Anschaffungshürde dar.

Inhaltlich ist „Das große Reimlexikon“ umfangreich aber nicht vollständig. Reimwörter wie „Kästen“ oder „Resten“ stellen wahrlich keine ausgefallenen Reime dar, fehlen aber bei Pössiger. Von den in der Einleitung versprochenen Komposita findet man zwar einige, aber längst nicht alle. Wie bei allen gedruckten Reimlexika bleibt bei der Verwendung immer ein wenig das Problem bestehen, dass man beim Blättern durch die vielen hinzuzuziehenden Reimendungen beinahe vergessen kann, nach was man überhaupt gesucht hat. Ohne Stift und Zettel geht es nicht. Dennoch stellt das „große Reimlexikon“ einen brauchbaren Begleiter auf der Suche nach Reimen dar.

Hans Olsen: Was reimt sich auf ... nach oben

Hans Olsen: Was reimt sich auf ...

Olsen: Was reimt sich auf ...

Hans Olsen: Was reimt sich auf ... Das große Reimlexikon mit 2388 Stichwörtern. Worterklärungen, Redewendungen, Kleine Verslehre. Südwest-Verlag, München 1970.

Was reimt sich auf... von Hans Olsen auf dem Jahr 1970 kommt mit einem dicken Eigenlob und mit dickem Papier daher: “Hans Olsens 'Was reimt sich auf ...' heißt im Untertitel 'Das große Reimlexikon', weil es alle nur möglichen Reime im größten Umfang als Rohstoff bringt."

Nicht einmal 400 Seiten bringt die von Olsen zusammengestellte Sammlung aufs Papier. Trotz der vielen Ankündigungen auf dem Buchtitel “Worterklärungen, Redewendungen, Kleine Verslehre” ist das Buch bis auf eine handvoll Seiten ein reines Reimlexikon. Das billige Papier und der schmucklose Satz des Buches fallen zunächst negativ ins Gewicht. Blättert man jedoch in das Buch hinein, so stößt man auf ein gereimtes Vorwort des deutschen Schriftstellers und Lyrikers Gerhart Herrmann Mostar. Quasi als Beweis für die Qualität des Olsenschen Reimlexikons greift Mostar in die Vollen und reimt:

Du hast noch nie gereimt? Versuch es!
Im Boudoir wie im Büro sah
Der Mensch von heute meistens Prosa -

“Büro sah” auf “Prosa” zu reimen ist einfallsreich und fast will Mostar einem mit dem Vers sagen: Verwendest Du dieses Reimlexikon, dann fallen dir derartige Verse auch zu. Ums gleich zu sagen: Das wird nicht gelingen. Denn blättert man von diesen Versen gleich auf die entsprechende Seite, auf der die Reime auf -osa stehen sollten (rosa vielleicht, Prosa oder gar Curiosa), dann fällt auf, dass es diese Reimgruppe bei Olsen gar nicht gibt.

Zurück also zur schmalen Einleitung, um sich dort Hilfe zu holen. Anders als andere Reimlexika spart Olsen mit den Reimgruppen, ist dort zu erfahren. Man lernt, dass hier “jeweils der Stammreim und seine Erweiterungen (durch Anfügung eines -e, -n, -en) unter einem Stichwort zusammengefaßt sind.”

Sucht mal also nach unserem Probereim “testen”, so muss man bei Olsen nicht unter -esten nachschlagen (da diese Reimgruppe gar nicht angelegt ist), sondern vielmehr unter -est. Bereits oberhalb der Reimgruppe gibt Olsen die Vokallänge an, so dass man leicht zwischen -est mit langem und -est mit kurzem Vokal unterscheiden kann. In einigen Fällen geht Olsens Strategie auf: Findet man also in der richtigen Reimgruppe “Arrest”, so fügt man einfach das fehlende “-en” an, um zu einem Reim auf “testen” zu kommen. Das geht über “Asbest, Attest, Best, betreßt, Fest, gepreßt, Gest, Inzest, Manifest” gut, hört aber spätestes bei “Nest” auf zu funktionieren. Denn der Plural von “Nest” ist eben nicht “Nest-en” sondern “Nestern”. Auch bei “eßt-en” geht das Konzept nicht auf - und als Leser und Anwender des Reimlexikons fragt man sich zurecht, wieso einem diese Steine auf den Acker geworfen werden, der durch das Buch doch eigentlich besser zu bestellen sein sollte?

Hat man die Steine erst einmal aus dem Acker geworfen, dann bleibt einiges an Fruchtbarem zurück. Reime wie “Manifesten”, “Attesten”, “Inzesten”, “Asbesten” und “Arresten” zeigen, dass Olsen aufmerksam gesammelt hat - aufmerksamer auch als sein Kollege Pössiger, der in “Das große Reimlexikon” explizit erwähnt, dass er Fremdwörter in sein Reimlexikon aufgenommen habe, sich jedoch keines dieser Reihe darin wiederfinden lässt.

Hat man sich an das billige Papier gewöhnt und ist der Geruch, der sich daraus verbreitet, im Zimmer verteilt, muss einem das Reimlexikon mit seinen 2388 Stichwörtern gefallen. Wobei Olsen nicht gut beraten war, diese Zahl in dieser Art zu nennen, denn eigentlich beinhaltet das Buch 2388 Reimgruppen mit geschätzten 40.000 Wörtern. Fazit: schön gesammelt, schlecht verlegt.

Peregrinus Syntax: Allgemeines deutsches Reimlexikon nach oben

Peregrinus Syntax: Allgemeines deutsches Reimlexikon

Allgemeins Deutsches Reimlexikon

Peregrinus Syntax: Allgemeines deutsches Reimlexikon. Mit einer Gebrauchsanleitung von Hans Magnus Enzensberger. Insel taschenbuch, Frankfurt a. M. 1982.

“Mit über 300.000 Einträgen ist das ‘Allgemeine Deutsche Reimlexikon’ von Peregrinus Syntax (vulgo Ferdinand Hempel) das vollständigste Kompendium seiner Art, das unsere Sprache je hervorgebracht hat”, schreibt Hans Magnus Enzensberger auf die Rückseite des 1982 als Reprint neu aufgelegten Reimlexikons aus dem Jahre 1826.

Und damit hat Enzensberger nicht Unrecht, denn das “Allgemeine Deutsche Reimlexikon” hat alles, was man sich von einem gedruckten Reimlexikon wünschen darf. Hempel führt zunächst in seinem Vorwort in die Geschichte der Reimlexikographie in Europa ein und stellt sein Werk mit großem Wissen in den historischen Kontext. Auf fast 2000 Seiten beherbergt das zweibändige Kompendium Reime in Hülle und Fülle. Ferdinand Hempel führt darin jedoch nicht nur die “reinen Endreime” auf, wie wir es aus unseren heutigen Reimlexika kennen, sondern auch in eigenen Kategorien daktylische Reimendungen - oder widmet einen eigenen Abschnitt den “weiblichen Doppelreimen” wie “Gnadenpfaden”, Hasenblasen” oder “Hurenkuren”.

Es hat schon seinen guten Grund, wenn Enzensberger sein Vorwort zum Reprint diesem Reimlexikon voranstellt, denn damit zeichnet er das mit Abstand beste Reimlexikon aus, das es eben für die deutsche Sprache gibt - wären da nicht die Probleme mit einem Reprint aus dem 19. Jahrhundert. Die Reimgruppen im Wörterbuch werden in Frakturschrift dargestellt und nur die erste und letzte in der Kopfzeile nochmal als Antiqua wiedergegeben. Wer also Probleme hat, ein “Schaft-s” von einem “f” zu unterscheiden, der wird seine liebe Müh bekommen (Titel des Buches vorgelesen von einem 7-jährigen: Ungemeines beutsches Reimlerifon). Die Reimwörter selbst sind dann allesamt in Antiqua gesetzt. Fremdwörter (von denen Hempel annimmt, dass sie nicht oder noch nicht in die deutsche Sprache eingegangen sind), setzt er kursiv. Auch ansonsten macht das Druckbild einen aufgeräumten Eindruck. Mit wenig Mühe kann man über die Spalten mit den Reimen wandern und sich die entsprechenden heraussuchen. Komposita werden unter dem Grundwort aufgelistet und sind leicht eingerückt, so dass man auch hier die Möglichkeit hat, sich schnell zu orientieren. Der dreispaltige Druck macht die Typen klein, hindert jedoch nicht bei der Wahrnehmung.

Natürlich ist ein Wörterbuch, das beinahe 200 Jahre alt ist, nicht mehr aus sich heraus verständlich. Jeder, der einmal das Wörterbuch der Brüder Grimm oder den Adelung in der Hand hatte, der weiß, wovon ich spreche. So kann ein Wörterbuch aus dem 19. Jahrhundert sich einfach keinen Reim auf “Auto” oder “Computer” machen, da es weder die Wörter noch die Dinge an sich zu der Entstehungszeit des Wörterbuchs gegeben hatte, auch schwappt in einem derartigen Wörterbuch natürlich eine Menge Zeitgeschehen in unsere heutige Zeit und Wörter wie “Glesten”, “Kesten” und “Mesten” müssen einfach überlesen werden, da sie schlichtweg nicht mehr existieren. Dennoch haben sich gut 3/4 der Wörter bis heute erhalten, so dass dieser Missstand zwar ärgerlich aber nicht störend ist. Wer sich als Dichter für die Sprache der Alten interessiert (und das sollte man als Dichter eigentlich immer), der findet unter den verlorenen Wörtern ja vielleicht auch noch einen oder anderen Schatz, den es sich zu bergen lohnt.

Beim Probewörtchen “testen” schneidet das “Allgemeine deutsche Reimlexikon” entsprechend gut ab, führt aber anders als man denken könnte gar nicht mehr Reime auf als seine schmaleren Konkurrenten. Die eigentliche Schlagkraft des Lexikons muss also darin liegen, Reimgruppen aufgenommen zu haben, die man in anderen Reimlexika vergeblich suchen wird.

Ein Verweis von “-esten” auf “-ästen” fehlt leider. Reime wie “Gästen” und “Palästen” findet man demnach nur, wenn man ein gewisses Maß an phonetischem Wissen mitbringt. Will uns Hempel damit sagen, dass “testen” sich im 19. Jahrhundert nicht auf “Gästen” reimen durfte?

Enzensberger lässt diese Frage in seinem Vorwort unbeantwortet. Er bemerkt zwar selbst, dass es derartige Querverweise im Reimlexikon eigentlich gibt, wieso das allerdings bei -esten und -ästen nicht der Fall ist, kommt nicht zur Sprache. Dafür gibt Enzensberger den Hinweis auf die Art und Weise, wie Hempel zwischen langen Vokalen und kurzen Vokalen unterscheidet: “Unser Lexikograph nimmt ein typographisches Mittel zu Hilfe, um hier Klarheit zu schaffen. Er unterscheidet, durch diakritische Zeichen, lange und kurze Vokale und bildet statt einer Rubrik deren zwei: ûch und úch.”

Sehr treffend lässt sich Enzensberger auch auf die Unterscheidung zwischen Reimlexikon und rückläufigem Wörterbuch aus, denn Enzensberger erkennt zwar bereits die neuen Möglichkeiten der digitalen Reimlexikographie, bringt jedoch den entscheidenden Hinweis, wieso heute elektronische “Reimlexika” eigentlich unbrauchbar sind, so lange sie aus der Idee des rückläufigen Wörterbuchs geboren werden: “Allerdings hält das ‘Rückläufige Wörterbuch’, in seiner mathematischen Konsequenz, für den Reimesuchenden nicht weniger, sondern gar noch mehr Fallstricke bereit als das ‘Allgemeine deutsche Reimlexikon’. Die computergesteuerte Logik, die hier am Werke ist, schert sich nicht im Geringsten darum, das ‘ungern’ und ‘hungern’, ‘exogen’ und ‘bezogen’, wenn man sie miteinander verkuppelt, abscheuliche Mißgeburten hervorbringen. Der Preis für die Konsequenz und die strenge dieses Wörterbuchs ist seine fühllose Sturheit, die sich weder um Betonungen und Akzent, noch um Länge oder Kürze der Vokale kümmert.”

Fazit: Peregrinus Syntax’ “Allgemeines deutsches Reimlexikon” ist in vielfacher Hinsicht ein Schatz: durch seinen Umfang, durch seine Anlage, durch seine Vorworte von Hempel und Enzensberger und nicht zuletzt durch seine historische Dimension. Diese wiederum ist Fluch und Segen zugleich, denn obwohl wir es hier sicherlich mit dem besten Reimwörterbuch zu tun haben, das für die deutsche Sprache erstellt wurde, leidet das Buch an seinem Alter. Frakturtext kann heute kaum noch einer lesen. Wenn’s nicht so teuer wär, würde ich sagen: Eine Neuauflage würde der Sache zu neuem Glanz verhelfen. Der Reprint des Buches mag vielleicht dem Verlag nützen, nicht aber seinen Lesern.

Christa Kilian: Verse schmieden leicht gemacht nach oben

Verse schmieden leicht gemacht

Kilian: Verse schmieden

Christa Kilian: Verse schmieden leicht gemacht. Mit vielen Beispielen und einem Reimlexikon. Bassermann Verlag, 1999.

“Ein unentbehrliches Werkzeug für alle, die in Versen ausdrücken wollen, wofür andere plumpe Sätze brauchen”, so führt der Verlag das Buch von Christa Kilian ein - Nein! Aber der Reihe nach:

“Verse schmieden leicht gemacht” ist eines dieser Bücher, die nicht nur ein reines Reimlexikon sind, sondern neben dem Lexikon auch in die Theorie und Praxis des Reims und des Reimens einführen. In diesem Fall sind die ersten hundert Seiten also mehr oder weniger eine Metrik der deutschen Sprache. Erst dann beginnt der Teil des Reimlexikons, der sich über 200 Seiten erstreckt.

Das Papier, auf das diese beiden Teile gedruckt wurden, ist billig. Der Satz des Buches wurde mit einem modernen Satzprogramm erstellt und sieht deshalb aufgeräumt aus. Allerdings ein wenig verspielt und mit zu vielen graphischen Elementen. Einhundert Mal steht auf den rechten Seiten groß und fett “Reimlexikon”, wo eigentlich Reime stehen könnten. Das eigentliche Reimlexikon ist aber übersichtlich aufgebaut. Kilian verzichtet auf Verweise zu gleich klingenden Reimendungen, indem sie unter -esten auch Reime auf -ästen einsortiert und bei -ästen auf -esten verweist. Am Ende der Reimgruppe wird zusätzlich auf -est und -este verwiesen, da sich dort ja bekanntermaßen auch Reime finden, die sich durch Flexionsformen erzeugen lassen.

So findet sich in der Reimgruppe -esten kein Eintrag auf “Arresten”, aber sehr wohl hat man die Möglichkeit, unter -est auf “Arrest” zu stoßen, um von dort aus den Plural “Arresten” zu bilden. Auch bei Kilian taucht dieses seltsame Wort “Gebresten” auf, das ich schon aus den historischen Wörterbüchern her kenne. Da dieses Wort heute völlig ungebräuchlich ist (oder bin ich da als Süddeutscher einfach nicht informiert?), kommt irgendwie der Verdacht auf, dass Kilian ihr Reimlexikon irgendwo abgeschrieben haben könnte. Sicherlich wurde sorgfältig ausgewählt und abgewogen, was heute noch in einem Reimlexikon für “Debutanten” aufzunehmen sei, dennoch kommen mir die Reime irgendwie bekannt vor. Steputat war es zumindest nicht, denn Einträge wie “Westen” und “verpesten”, die man sicherlich auswählen hätte können, fehlen bei Kilian. Dennoch ist ihre Aufstellung gut. Sie unterscheidet sich in der Menge der Aufnahmen bei Reimen auf das Testwörtchen “testen” nicht maßgeblich von ihrer Konkurrenz.

Vokallänge wird bei Kilian - wie bei einigen ihrer Vorgänger auch, durch Doppelpunkt hinter dem Reimvokal angezeigt. Handelt es sich um einen kurzen Vokal, dann fehlt eine Markierung.

Das größte Lob verdient das Buch jedoch für eine ganz andere Eigenschaft. Kilians einleitende Metrik ist gut bis sehr gut. In einer sehr einfachen Sprache werden wohlüberlegte Dinge beschrieben. So schreibt sie: “Diese [Wörter] gelten als Reime, wenn die Mitlaute nach dem Vokal identisch und Mitlaute vor dem Vokal verschieden sind oder bei einem Wort fehlen”. Mit solch prägnanten Aussagen übertrifft sie selbst Standardwerke der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Reim, denn dort fehlt in den allermeisten Fällen der Hinweis auf den Unterschied vor dem Reimvokal. Auch bei den Reimarten findet Kilian Anschluss an rezente Reimverwendung. So erklärt sie z.B. in einfachen Worten den Doppelreim, ohne der Sache damit zu schaden.

Fazit: Durch das schwere Papier und den großzügigen Satz wird “Verse schmieden leicht gemacht” nicht gerade zum Taschenbuch. Man hätte mit dem von Frau Kilian gesammelten Material mehr machen können. Gerade die einführende Metrik ist über weite Strecken hinweg tadellos. Das Reimlexikon an sich ist von der Fülle her Mittelmaß, jedoch in der Anlage gut überlegt. Auch hier gilt: gut gemacht, schlecht verlegt.

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Claudia Mona Rosa: Der treffende Vers für jede Gelegenheit

Mona Rosa Der treffende Vers

Claudia Mona Rosa: Der treffende Vers für jede Gelegenheit. Mit einer kleinen Reimschule und einem umfangreichen Reim-Lexikon. Anaconda Verlag, Köln 2007.

“Der treffende Vers” kommt für 7,95 € mit rosa Hardcover und schwerem Papier ins Haus. Auf den ersten Blick wird bereits deutlich, dass dieses Buch in jeder Hinsicht billig aufgemacht ist. Schlägt man es auf, dann bricht der Leim im Buchrücken und so sehr man sich auch bemüht und drückt: das Buch schlägt sich wie von Geisterhand immer wieder alleine zu, da die Bindung viel zu starr ist. Für ein Lexikon ist das ein absolutes Ausschlusskriterium - denn wenn man schon beide Hände braucht, um das Buch offen zu halten, wie soll man dann noch Gedichte schreiben?

Dass sich das Buch zwischen einer kleinen Einleitung für Anfänger und einer etwas ausführlicheren Einleitung für Fortgeschrittene über 200 Seiten hinweg als Anthologie entpuppt, verschweigt der Titel des Buches gänzlich. Als Anthologist freue ich mich über dieses Glück uns stöbere in den nach Gelegenheiten geordneten Gedichten. Mit Freunden stelle ich fest, dass ich nun endlich den Born kennen lernen darf, aus dem sich Poesiealben füllen. Eine Stilblütenlese der besonderen Art tut sich auf - gerne würde der Rezensent ja eines zitieren, aber  die Buchbindung ist so störrisch, das nicht einmal schweres Buch reicht, um die Seite offen zu halten. Ein kleines lerne ich schnell auswendig:

Lebe wohl!

Lebe wohl.
Iß Speck und Kohl.
Iß Kohl und Speck,
aber fall nicht in den Dreck.

Gut, denke ich mir, “Lebe wohl!” - weiter zu den Reimschulen. Doch auch hier muss man nicht lange verweilen, denn das, was man dort zu lesen bekommt, sind platte Halbwahrheiten, denen über weite Strecken jedes Fundament fehlt. Hier hat jemand über Metrik geschrieben, der leider überhaupt keine Ahnung mitbringt. Begriffe wie “Takt” und “Rhythmus” werden unerklärt in den Raum geworfen und bevor der Ärger darüber zu groß wird, knirsche ich die Seiten weiter zum Eigentlichen: Dem Reimlexikon.

Hier ist zumindest nichts falsch. Die Wörter die in den Reimgruppen stehen, reimen sich auch wirklich und die Vokallängen der Reimvokale sind zumindest für Langvokale notiert, aber die Bedienung des Buches ist aufgrund seiner Bindung sehr eingeschränkt. Dauernd klappt es wieder zu und irgendwie scheint das Buch sein eigenes Schicksal besiegeln zu wollen. Mit letzter Willenskraft lese ich die Einträge in der Test-Reimgruppe -esten und -ästen und die Verweisartikel zu -est und -este, denn auch Mona Rosa bedient sich der Möglichkeit auf Reimgruppen der Wortgrundformen zu verweisen. Die Einträge bei -esten selbst sind schmal, dafür finden sich in den Reimgruppen -ästen, -este und -est viele brauchbare Reime. Aber da das Buch sich schon wieder selbst zugeklappt hat, belasse ich es jetzt auch dabei. Ohne Schraubzwingen ist das einfach unbedienbar. Selbst, wenn dieses Buch inhaltlich das beste seiner Gattung wäre - so kann man einfach nicht arbeiten. Mit Anaconda werde ich sicherlich nicht zum Pegasus.

Siegfried Rabe: Reimlexikon nach oben

Siegfried Rabe: Reimlexikon

Siegfried Rabe: Reimlexikon

Siegfried Rabe: Reimlexikon. Mit vergnüglicher Dichterschule. Weltbild Verlag. Augsburg 1998.

Das kann ja heiter werden! Eine “vergnügliche Dichterschule” lockt als Sprachhistoriker mein ganzes Interesse auf sich. Hier muss einer schreiben, der es von der Pike auf gelernt hat, denn “vergnüglich” ist ein sehr altes Wort, das in seinen historischen Dimensionen wenig “Heiterkeit” meint, sondern vielmehr ‘Genügsamkeit’ oder ‘Zufriedenheit’. Schauen wir mal, wie es der Autor Siegfried Rabe hinbekommt, der, wie er schreibt, für Film und Fernsehen, Hörfunk und Werbung tätig ist.

Rabes “Reimlexikon” wird zunächst durch eine knapp 70 Seiten lange Einleitung eingeführt. Darin findet der Leser neben den Grundzügen und Grundarten des Dichtens einige unterhaltsam zusammengestellte Informationen über den Reim und seine Unterarten, über die wichtigsten Reimschemata, Strophen- und Gedichtformen und über das trocken Feld der metrischen Formen. Vielleicht ist es dem Publikum geschuldet, dass Rabe zwar viel Gutes schreibt, aber immer da, wo es eigentlich spannend wird, abbricht. So heißt es im Kapitel “Vom richtigen Rhythmus”:

“Bei dieser Gelegenheit sollten wir vielleicht auch darüber sprechen, woran wir überhaupt erkennen können, ob eine Silbe im Gedicht betont wird oder nicht. Auf den ersten Blick ist das ja gar nicht immer zweifelsfrei zu sagen. Zwar orientiert sich die Betonung der Wörter im allgemeinen an der normalen Prosasprache, der Rhythmus kann aber schon mal leicht davon abweichen, hin und wieder sind auch Silben zu betonen, die sonst nicht hervorgehoben würden.” Gut, es ist ein schweres Thema, aber dadurch, dass Rabe sich des Wortes “Rhythmus” bedient, fallen seine Erläuterungen kläglich aus. Er schreibt: “Wird “am” betont, stoßen zwei betonte Silben aufeinander, was sich nicht schön anhört.” Nein! Nein! Nein! Ganz falsche Baustelle: Es geht gar nicht ums schöne Anhören, es geht um ein metrisches Muster, das festgelegt ist und in das sich ein Wort oder ein Text entweder einfügt oder nicht. Man kann einfach nicht über Metrik sprechen, wenn man nicht auf das Wort “Metrum” Bezug nimmt...

Vielleicht bin ich mit Herrn Rabe ja ein wenig zu streng, immerhin liegen unsere Äcker ja dicht nebeneinander, aber es bleibt ärgerlich, wenn Menschen mir viel Kunst und Klang die Dinge einfach nicht richtig erklären. “Was ist eigentlich ein reiner Reim?”, fragt Rabe seine Leser, und antwortet selbstsicher: “Ein Reim, bei dem die Vokale und Konsonanten genau übereinstimmen, wie bei “Füße/Grüße. Wobei allerdings nur das Lautbild entscheidet und nicht die Schreibweise.” Naja, das wurde schonmal besser erklärt, kein Wort davon, dass vor diesem “Gleichklang” ein Unterschied im “Lautbild” zu einem reinen Reim essentiell dazugehört, sonst wird es ziemlich “unvergnüglich” wenn man immer nur “Liebe” auf “Liebe” reimen müsste. Und kein Wort über die Vokallängen, die ja irgendwie dann doch zum “Lautbild” dazugehören. Aber ganz falsche Baustelle! Wir sind ja wegen des Reimlexikons hier.

Nicht ganz, denn Rabes Reimlexikon nimmt die Fehler aus seiner Metrik auf. Seine Reimgruppen verzichten dummerweise auf die Auszeichnung der Vokallänge. Sucht man einen Reim auf “Kamel” steht zwar über der einen Reimgruppe auf -el “-el=fidel” und eine zweite verweist nach -ell, was aber eigentlich ausschlaggebend ist, bleibt unterschlagen. Auch hier vielleicht um des Publikums willen ein wenig abgekürzt? Probieren wirs nochmal und schauen beim Testwörtchen “testen” nach Reimen. Die Sammlung der unter -esten aufgelisteten Reime ist gut. Immerhin sieben Reime, darunter ein echter Schatz: “betressten”, heute laut Duden noch in der Bedeutung ‘mit Tressen versehen’ gebräuchlich. Dann gleich weiter zu den Verweisartikeln -est und -ästen, von denen ich mir nun noch ein paar Ergänzungen verspreche.  Bei -est werde ich auch gleich eine Seite weiter vorne fündig. 21 Reimwörter lächeln mich an.  Bei -ästen habe ich weniger Glück - denn es gibt gar keine Reimgruppe in dieser Kategorie. Nur die Reimgruppe -äste ist zu finden, dort auch wieder der Verweis auf -ästen. Das ist allemal “vergnüglich” ...!

Herr Rabe, Ihre Gedichte und kurzweiligen Erklärungen habe ich zeit- und teilweise gerne gelesen, aber hier muss ich ernst werden. Wer mit so viel innerer Überzeugungskraft in die Sache hineingeht, der legt die Messlatte hoch. Und nun ist sie runtergefallen. Von Versschmied zu Versschmied: Schuster: bleib bei deinen Leisten!

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Johann Hübner: Neu-vermehrtes poetisches Hand-Buch

Huebner_1731

Johann Hübner: Neu-vermehrtes poetisches Hand-Buch. Das ist, eine kurtzgefaste Anleitung zur Deutschen Poesie, nebst einem vollständigen Reim-Register den Anfängern zum besten zusammen getragen. Leipzig 1731.

Hübners „Neu-vermehrtes poetisches Hand-Buch“ ist ein echter Klassiker unter den Reimlexika und neben Zesens „Deutschem Helikon“ das älteste Reimwörterbuch der deutschen Sprache. Entsprechend anspruchsvoll ist seine Benutzung. Das gesamte Wörterbuch ist seiner Zeit entsprechend in Fraktur gesetzt und es bedarf einiger Übung, um sich als Laie damit auseinanderzusetzen. Allerdings ist das Wörterbuch von seiner inneren Struktur schon sehr ähnlich zu denjenigen Reimwörterbüchern, die wir heute kennen und benutzen. Die Makrostruktur umfasst wie in heutigen Reimlexika auch die Reimendungen, die sich bereits in der bekannten Abfolge der Vokale a, e, i, o, u untergliedern. Von dort aus sind alle Reimendungen in alphabetischer Reihenfolge unterhalb des Reimvokals aufgelistet. Auf gut 450 Seiten findet sich in einem dreispaltigen Druck reichhaltiges Material.

Wohingegen die Erstauflage des Hübnerischen Reimlexikons aus dem Jahre 1696 noch "einem ausführlichen Unterricht von den deutschen Reimen" beigestellt war, so ist es in der Auflage von 1731 nur noch "mit einer kurzgefasten Anleitung zur Deutschen Poesie" verbunden. Den Großteil des Buches nimmt nun also das Reimlexikon an sich ein.

Bei unserem Test-Reimwort „testen“ findet man demnach auf Seite 431 unter dem Reimvokal „e“ und in der Reimgruppe „-esten“ dann die entsprechenden Reime. Anders als heutige Reimlexika bildet Hübner die Reimwörter zumeist in einem phrasematischen Kontext an. Das heißt, bei Hübner steht also nicht „Ästen“ als Reim, sondern das Wort wird in einer häufig verwendeten Verbindung mit anderen Wörtern abgebildet: in diesem Fall „auf den Ästen“. Finden sich mehrere solcher kontextuellen Verbindungen, dann scheut sich Hübner nicht, mehrere solcher Verbindungen aufzunehmen: „die Besten“, „nicht zum besten“, er hat was zum besten“, er hat ihn zum besten“. Das ist nicht unklug, da mehrdeutige Reimwörter nicht immer gleich alle ihre Bedeutungen offenbaren und ein Eintrag „Westen“ vielleicht den einen oder anderen Dichter zwar auf das Kleidungsstück aufmerken lässt, nicht jedoch auf die Himmelsrichtung. Hübner umgeht dieses Problem, in dem er großzügig alle Bedeutungen des Reimwortes durch die kontextuelle Verbindung assoziiert: Bei „Westen“ wären das z.B. die „Ehrenwesten“ und „von Westen“. Leider wurde diese Idee von späteren Reimwörterbüchern nicht mehr fortgeführt.

Unglücklich hingegen ist Hübners Einbindung dialektaler Reime. Bedenkt man, dass es zur Entstehung des Wörterbuchs eine gemeinsame deutsche Sprache noch gar nicht gegeben hat, so ist zwar Hübners damalige Entscheidung zu vertreten, aus heutiger Sicht jedoch äußert ärgerlich. So finden sich in er Reimgruppe „-esten“ auch Reimwörter wie „lösten“, die auf den modernen Nutzer des Reimlexikons doppelt abstoßend wirken, da sowohl der Reimvokal als auch die Vokallänge unserer heutigen Vorstellung eines reinen Reims nicht mehr entsprechen. Da Hüber innerhalb einer Reimgruppe nach dem Anfangsbuchstaben des Reimwortes alphabetisiert, drängeln sich diese dialektalen Reime allenthalben ins Blickfeld. Ein kleines Gutes hat es hingegen. Auch Reime auf -ästen finden sich bereits in der Reimgruppe -esten und müssen nicht an anderer Stelle im Buch nachgeschlagen werden.

Die Menge des angebotenen Materials ist – streicht man alle diese falschen Reimfreunde heraus – immer noch beachtlich. Zwar verzichtet Hüber auf Verweise zu anderen Reimgruppen, doch der findige Benutzer des Reimlexikons weiß ja bereits, dass sich womöglich auch ein Seitenblick in andere Gruppen lohnt: In diesem Falle -est und -este, die nochmal eine stolze Anzahl an Reimwörtern liefern.

Fazit: Hübers Hand-Buch ist ein Schatz für den Freund historischer Sprache. Ohne entsprechende Kenntnisse wird die Benutzung mühselig. Wer sich aber in der Frakturschrift noch zurecht findet, der ist bei Hübner gut bedient, denn ein sehr großer Teil seiner Reimwörter sind auch heute noch Teil unserer Sprache und reimen sich heute noch genau so gut wie früher.

Hübners „Hand-Buch“ wurde mittlerweile bei Google-Books als Volldigitalisat eingestellt und kann in der Auflage von 1696 und 1731 eingesehen werden. Obowohl das Digitalisat der Erstauflage einen Umfang von über 1000 Seiten angibt, wurde jedoch nur der erste, ca. 500 Seiten umfassende Band des Reimlexikons digitalisiert. Das Digitalisat von 1731 ist hingegen vollständig.

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Franz Wilhelm Jung: Die Anklänge der hochdeutschen Sprache

Franz Wilhelm Jung: Die Anklänge der hochdeutschen Sprache. Oder Aufstellung ihrer tonverwandten Wörter zum Behufe der Dichtkunst. Haumann Verlag, Darmstadt 1834.

Dieses sonst in der Reimlexikographie unterschlagene Werk wurde mehrfach in der zeitgenössischen Tagespresse rezensiert. Da uns das Buch selbst nicht vorliegt, bilden wir an dieser Stelle die wichtigsten Rezensionen ab.

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Allgemeine Literatur-Zeitung, Jahrgang 1835, Band 2 \ Numero 110 (1835).

Blätter für die literarische Unterhaltung

 Blätter für literarische Unterhaltung, Nr. 163, 12. Juni 1834.

LitteraturblattaLitteraturblattb

Literatur-Blatt. Nr. 66. Montag, 30. Juni 1834.

Bondy: Was reimt sich auf...? nach oben

Bondy: Was reimt sich auf...?

Bondy: Was reimt sich auf...?

Siegmund A. Bondy: Was reimt sich auf...? Reimlexikon der deutschen Sprache. Verlag Adalbert Pechan. Wien / München / Zürich 1954.

“Manchmal kommt man durch einen Gedanken auf einen Reim, manchmal aber auch durch einen Reim auf einen Gedanken”, so wird Viktor Hugo im Vorwort des kleinen Taschenbuchs “Was reimt sich auf...?” zitiert. Das öffnet doch gleich mein Herz, denn darin steckt Witz und man wird gleich erregt, nach so einem treffenden Ausspruch weiterhin auf mehr Gutes und Richtiges zu stoßen. Aber lassen sich in ein so kleines Taschenbuch, das seinem Alter geschuldet auf dem Titel mit den drei klaren Farben rot, blau und schwarz auskommt, wirklich  so viele Reime aufnehmen, dass die guten Gedanken kommen?

Immerhin redet Bondy nicht lange um den heißen Brei. Nach einer schmalen Einleitung bleiben dem kleinen Bändchen gute 100 Seiten für das Reimlexikon. Anders als bei seinen Mitstreitern in die Grundanlage des Reimlexikons nicht vertikal sondern horizontal. In einem zweispaltigen Druck stehen auf der linken Spalte immer die Reimendungen, in der rechten Spalte werden dann, durch Kommata abgetrennt, alle Reime aufgelistet. Das spart Platz, geht allerdings auf Kosten der Übersichtlichkeit. Vor allem bei Reimendungen mit vielen Reimen steht man schnell vor einer Bleiwüste, die durch den Blocksatz noch unterstützt wird. Bondys Entscheidung wird damit unglücklich.

Beim Testwörtchen “testen” muss man sich wie bei den meisten anderen Reimwörterbüchern auch zunächst zum Reimvokal “e” vorblättern, um dort dann die Reimgruppe -esten auszumachen. Diese findet sich bei Bondy auch und listet die folgenden Reimwörter auf: “am besten, Digesten, Esten, Gesten”. Dann ist schon Ende, aber es bleibt noch der Verweis auf -este. Dort geht es dann weiter mit “Feste”, woraus man dann die “Festen” bilden könnte, um wieder zum Reim auf “testen” zu kommen. Und auch “verpeste, Veste, Weste” lassen sinnvolle Reime auf unser Textwörtchen zu. Aber auch bei -este stehen wieder Verweise, diesmal auf -est und -äste. Beiden folge ich und finde weitere brauchbare Reime. Und auch dort stehen neue Verweise. Hmm, bei -äst werde ich weiterhin fündig, bei -esse nicht mehr - aber die Verweiskette bricht gar nicht ab. Wen die Musen bereits geküsst haben, der wird sicherlich selbständig entscheiden können, wo das Nachgehen der Verweise irgendwann keinen Sinn mehr macht, aber der Debütant wird sich in diesem Verweisdschungel verirren.

Zumindest verwirrend ist, dass Bondy gänzlich auf eine Auszeichnung der Vokallängen verzichtet. So findet sich unter -äst “Geäst” in unmittelbarer Nähe zu “bläst”. Das werden schöne Reime und schöne Gedanken werden, denke ich mir.

Was mir jedoch an dem Bändchen gefällt, ist seine Handlichkeit. Das Papier ist dünn und das Bändchen passt in jede Hosentasche. Die Bindung ist trotz seines Alters noch in Takt und irgendwie macht das Büchlein Lust, damit zu arbeiten, es mit in den Frühling zu nehmen, um unter einem knospenden Baum Gedichte zu verfassen. Nur bitte das Wörtchen “knospenden” nicht in dem Reim bringen, sonst wird dich das Büchlein schnell Heim zwingen.

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Hans Harbeck: Reim dich oder ich fress dich

Hans Harbeck: Reim dich oder ich fress dich

Hans Harbeck: Reim dich oder ich fress dich. Neues deutsches Reimlexikon. Pohl & Co. München 1953.

Das ist leider immer ungünstig, wenn man das Wörtchen “neu” mit in den Titel eines Buches hineinnimmt, denn Harbecks bebrillter Pegasus mit Puttenflügelchen hat nun schon fast 60 Jahre auf dem Buckel und wirkt auf den ersten Blick alles andere als “neu”. Nimmt man den vergilbten Schutzumschlag jedoch ab, dann macht das Büchlein auf den zweiten Eindruck einen guten. Das Buch ist sehr gut verarbeitet und hat die Jahre gut überstanden. Sseine 170 Seiten liegen fest im Leim - und riechen tun sie auch noch gut.



Nach einer knappen Einleitung, in der Harbeck den Endreim an sich verteidigt und auch an gut gewählten Zitaten belegt, dass die Verwendung von Reimlexika auch bei den großen Dichtern keine Seltenheit darstellt, beginnt bereits das Reimlexikon. Die gewohnte Anordnung der Reimgruppen nach Reimvokalen a, e, i, o und u ist auch bei Harbeck gegeben. Die Vokallängen der Reimgruppen sind sauber ausgewiesen, nur bei Reimvokalen mit Umlauten fehlt das entsprechende Zeichen.  Einen Reim auf “dürr” wird man in Harbecks Sammlung vergeblich suchen, da die Reimgruppe -ür nur Reime mit langem Reimvokal auflistet (Kür, Geschwür). Hier liegt ein bedauerlicher systematischer Fehler vor.

Der dreispaltige Druck des Buches macht einen aufgeräumten Eindruck, die Reimgruppen und Reime springen einem gut ins Auge, das Buch bleibt - wie man sich das von einem Lexikon wünscht - offen, sobald man eine Doppelseite aufgeschlagen hat. Konkurrenten wie der Steputat schaffen das leider bis heute nicht. Je mehr man mit Lexika arbeitet, umso lieber greift man aber auf diejenigen zurück, die einen bei dieser Sache unterstützen. Es ist immer wieder eine Freude, wenn man in einem Lexikon von einem Artikel zum anderen blättert und beim Zurück einfach  an der Stelle in das Buch greift, wo eine kleine Lücke zwischen den Seiten verblieben ist, in der sich das Lexikon quasi gemerkt hat, wo man zuletzt war. Harbecks Büchlein kann das und macht den Umgang damit angenehm. Da fliegen die Menschen zu Mars und Mond und schaffen es nicht, die kleinen Freuden des Dichters zu befriedigen ...

Beim Testwörtchen “testen” finden sich in der Reimgruppe -esten gute, wenn auch nicht sehr viele Reime. Reime auf -ästen werden stillschweigend mit in die Reimgruppe aufgenommen, was einem das leidige Blättern zum Reimvokal “ä” erspart. Etwas unglücklich ist jedoch Harbecks Begründung, in der es heißt: “Denn dieses ä wird von normalen Menschen genau wie e gesprochen.” Gut, denke ich mir, dann bin ich wohl “normal”.

Aber Harbeck verweist wie seine Kolleginnen und Kollegen am Ende der Liste in andere Reimgruppen, in unserem Fall zu -est.  Vor- und Nachteile dieser Verweise wurden bereits mehrfach in der Rezension anderer Reimlexika erläutert, gut bei Harbeck ist jedoch, dass er nur auf Reimgruppen verweist, in denen man Wörter durch Beugung möglicherweise zu Reimwörtern umdefinieren kann, wie z.B. “Fest” zu “Festen” oder “Podest” zu “Podesten”. Dass das nicht immer gut geht, zeigt in unserem Beispiel das Wort “”läßt”, das sich bei aller Kraft nicht zu “läßten” flektieren lässt. Gut ist das deshalb, da er keine Verweise zu gleich klingenden Reimgruppen auflistet. Wir das (wie man es in anderen Reimlexika beobachten kann) vermischt, so werden Äpfel und Birnen in einen Korb gelegt. Bei Harbeck fehlt allerdings ein Verweis zu -este. Damit unterschlägt er einige gute Reime und verkauft sich unter Wert.

Fazit: Dieses Büchlein wird durch seine solide Aufmachung seitens des Verlages und die solide Arbeit seitens des Autors zu einer gelungenen Angelegenheit. Dieses Büchlein, drei- oder viermal so dick, und der Steputat hätte eine erstzunehmende Konkurrenz erfahren. Wenn ein Verlag den Mut aufbringen würde, einen alten Bestand aufzuwerten, dann wäre er hier genau richtig.

Günter Rudorf: Mach dir einen Reim nach oben

Günter Rudorf: Mach dir einen Reim

Günter Rudorf: Mach dir einen Reim

Günter Rudorf: Mach’ dir einen Reim. Der moderne Versschmied. Mit großem Reimlexikon. Falken Verlag, Niedernhausen 1993.

“Mit großem Reimlexikon” - wirbt der Verlag für sein 1993 erschienenes Buch von Günter Rudorf. Da es dann am Ende jedoch nur großzügig gedruckte 30 Seiten ganz hinten im Buch sind, die so gut wie alles falsch machen, was man falsch machen kann (die Reimgruppe -ackt/akt steht sinnverloren und falsch formatiert unter dem Reimvokal “i”; Vokallängen sind nicht ausgewiesen, die Reimgruppe -eu verweist auf die Reimgruppe -ö, in der man dann Reime auf -eu vergeblich sucht), schnappe ich mir den erstbesten Reim auf -ö und sage diesem Bollwerk der Dummheit “adieu!”.




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Elke Müller-Mees: Der neue Verseschmied für Hobbydichter

Elke Müller-Mees: Der neue Verseschmied für Hobbydichter

Auf 110 Seiten erklärt Elke Müller-Mees uns das Dichten. Ganze 17 Seiten fallen dabei auf das am Ende des Buches angefügte “Reimlexikon”. Doch der Hammer kommt erst noch. Auf diesen 17 Seiten sortiert Müller-Mees die Reime zunächst sehr sinnvoll nach Reimvokalen und gibt dabei vorbildlich an, ob dieser Reimvokal kurz oder lang ist. Bis hier kann man gut folgen. Sucht man nun jedoch einen Reim und blättert die 3 Seiten bis zum Reimvokal “e (kurz)”, so sucht man nun die sonst gewohnten Reimendungen vergeblich. Müller-Mees listet stattdessen  an die 60 Wörter mit kurzem Reimvokal “e” auf - schön in alphabetischer Reihenfolge beginnend mit “abspecken, adrett, anstrengen, aushecken, beenden” usw. Wie man hier nun einen Reim finden soll ist mir schleierhaft. Nachdem ich alle 60 Wörter durchgelesen habe, kann ich sagen - es gibt keine Reime auf das Testwörtchen “testen” in diesem Buch. Allerdings empfinde ich es ein wenig als mühselig, mich dafür das halbe Reimlexikon durchlesen zu lassen. Unter “f” finde ich “Fest” und “Feste”, dort stehen die Reime “Rest, Test” bzw. “Reste / teste, beste”. Zumindest reimt sich hier mal was.

Müller-Mees scheint dieses Problem irgendwann auch in den Sinn gekommen zu sein, denn nun entdecke ich, dass das halbe Reimlexikon aus Verweisartikeln besteht: Das geht dann so: Man sucht einen Reim auf “fett”, schaut beim Reimvokal “e (kurz)”, unter “fett” und wird fündig!!!, wird aber auf “Bett” verwiesen, man schaut bei “Bett” und wird zu “adrett” verwiesen, man schaut dort findet, Halleluja!, die Reime “Internet / rett’, wett’ / fett, kokett, nett”. Dumm nur, wenn man keinen Reim auf “fett” sondern auf “Brett” sucht. Das fehlt nämlich in diesem Verweisdschungel - und dann ist Ende, obwohl das Buch ja immerhin ein paar Reime auf “-ett” kennt.

Mal ehrlich, Frau Müller-Mees, wie lange haben Sie denn an diesem Reimlexikon gearbeitet?  Bitte nicht länger als einen Tag! “Dichten ist wie Kochen” schreibt Müller-Mees. Mit den Zutaten, die die Autorin verarbeitet, esse ich dann doch lieber aushäusig.

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Philip Zesen: Hoch-Deutscher Helikon

Philip Zesen: Hoch-Deutscher Helikon

Heureka! Es hat ein wenig gedauert, bis ich mich an dieses Schmuckstück herangewagt hatte. Ein paar Mal bin ich schon außen herumgeschlichen ohne hineinzufinden - und nun bin ich drin! - im ersten deutschsprachigen Reimlexikon.

Alles ist hier etwas anders als man es sonst gewohnt ist, aber dieses Gebäude ist nun auch schon 350 Jahre alt und man kann überhaupt erst einmal froh sein, dass man dank Google Books überhaupt hineingelangen darf. Die gute Nachricht zuerst: ich habe sie nach einiger Suche gefunden - die Reime auf unser Testwörtchen “testen”. Und das war gar nicht so leicht, denn das Reimlexikon zerfällt zunächst einmal in zwei Teile. Den Teil, der alle “männlichen”, will sagen “stumpfen”, will sagen auf einer betonten Silbe endenden Reimwörter auflistet - und den Teil, der alle “weiblichen”, “klingenden” und auf der vorletzten Silbe betonten Reimwörter.

Gegen diese Entscheidung ist grundsätzlich nichts einzuwenden, da sich alle Reime auf unser Reimwörtchen “testen” ja ebenso zu verhalten haben wie das Reimwörtchen selbst: alle müssen zwangsweise auf der vorletzten Silbe betont und damit “weiblich” und “klingend” sein. Hat man also das passende Reimwörterbuch für “weibliche” Reime im 4. Buch des “Hoch-Deutschen Helikon” ausgemacht, hat die Suche aber noch kein Ende. Denn die weitere Kategorisierung des  Reimlexikons hat es in sich. Zesen sortiert alle aufgenommen Wörter nicht nach dem ersten Buchstaben der vorletzten Silbe, der Reimsilbe, sondern nach dem ersten Buchstabe der unbetonten Ultima und erst dann nach der Penultima. Zesens erstes Reimwort ist “Rabe”. Dieses Wort steht an forderster Front, da die letzte Silbe (Ultima) mit “b” beginnt. Hätte es im 17. Jahrhundert schon “Kaba” gegeben, dann hätte dieses Schokoladengetränk den “Raben” vom Sockel geworfen, da “Kaba” auf der letzten Silbe mit “a” endet, was bekanntlich vor “e” kommt.

Alle Wörter, die die gleiche Ultima aufweisen, werden nun nach der vorletzten Silbe (Penultima) unterkategorisiert. “Rabe” steht vor “Buchstabe”, da “r” im Alphabet vor “t” steht. Das hat zur Folge, dass der Reimvokal in der Sortierung des Wörterbuchs nur eine untergeordnete Rolle spielt. Schon auf der ersten Seite des Reimlexikons stehen auch Reime auf -erben, mit Reimvokal “e”.

Hat man das verstanden, beginnt das große Blättern zu der Seite mit den Reimen, die die unbetonte Ultima “-ten” aufweisen, denn wir wollen ja herausfinden, was sich auf “testen” reimt. Da Zesen im Reimlexikon keine Seitenzahlen angibt, kann ich nur sagen, dass ich sie irgendwann gefunden habe. Sie stehen auch exakt da, wo sie hingehören: “zum besten, festen, den gästen, mästen, in der kösten, presten, den grösten”.

Das ist nicht viel, aber immerhin habe ich sie gefunden, die Reime. Der Hoch-Deutsche Helikon ist sicherlich weitaus mehr als das, und ich schließe die Datei mit dem Hochgefühl, zumindest das verstanden zu haben.

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Pelzer: Der treffende Reim

Pelzer: Der treffende Reim

Karl Peltzer: Der treffende Reim. Ein Wörterbuch der Endreime. Mit einem Anhang der deutschen Metrik. Ott Verlag, Thun 1984 (5. Aufl.)

Mittlerweile in der 9. unveränderten Auflage erschienen ist „Der treffende Reim“ von Karl Peltzer. Das Taschenbuch wird in einer etwas sperrigen Klebe-Bindung ausgeliefert, so dass es auch zu diesen unhandlichen Reimwörterbüchern gehört, die sich einfach immer von selbst wieder schließen. Aber bei Peltzer lohnt es sich, das Buch offen zu halten, denn das Buch hat es in sich. Auf eng bedruckten, leider sehr dicken Seiten finden sich laut Verlag ca. 35.000 Reimwörter in 4160 „Stichsilben“. Das ist ordentlich.

Das Buch folgt der traditionellen Ordnung bekannter Reimlexika und ist zunächst nach Reimvokalen gegliedert. Umlaute werden dabei wie die entsprechenden Vokale behandelt und Wörter mit Reimvokal „ä“ stehen deshalb genau dort im Buch, wo sie auch stehen würden, wenn der Reimvokal „a“ wäre. Diphthonge erhalten eine eigene Reimvokalgruppe.

Beinahe vorbildlich ist die Auszeichnung der Vokallängen. Auch bei Diphthongen und Umlauten werden die Vokalängen in dem einzelnen Reimendungen angegeben - meistens und leider nicht ganz systematisch. Bei -äg (schräg) wird die Vokallänge durch einen Querstrich über dem Umlaut angegeben, bei -ägel (Nägel) aber nicht. Da Peltzer im Vorwort gar keine Benutzerhinweise liefert, bleiben einige der Erklärungszeichen auch kryptisch. So z.B. ein dicker schwarzer Punkt vor manchen Wörtern.

Recht oft vergreift sich Peltzer auch bei der Reimgruppe selbst. In keinem anderen Reimwörterbuch finden sich so viele Reimgruppen, in denen eigentlich gar keine Reime stehen. Unter -igen stehen z.B. „ängstigen, verängstigen, bekreuzigen, kreuzigen, fertigen, rechtfertigen, fertigen“, die gehören aber in die Reimgruppen -ängstigen, -euzigen und -ertigen. Vielleicht ist das sogar Peltzers Unkenntnis geschuldet, denn sein Definition der „reinen Reime“ ist nicht besonders ausgefeilt: „Bei diesen Reimen stimmen die in ihm enthaltenen Vokale und Konsonanten ganz genau überein, doch kommt es nicht auf die Schreibweise, sondern auf das Lautbild an.“ Erinnert irgendwie an die Erklärung in Siegfried Rabes „Reimlexikon“: “Ein Reim, bei dem die Vokale und Konsonanten genau übereinstimmen, wie bei “Füße/Grüße. Wobei allerdings nur das Lautbild entscheidet und nicht die Schreibweise.” Wer hat denn da beim wem gespickelt? Beim Abschreiben ist die größte Kunst, zu wissen, wo am besten! Hier wäre es besser unterblieben, denn das ist und bleibt Nonsens.

Bei unserem Testwörtchen „testen“ schneidet Peltzer hingegen gut ab. Seine Reime sind üppig, wenn man die Ergebnisse unter -esten und -ästen zusammen nimmt. Leider begeht auch Peltzer den schon an anderer Stelle bemängelten Fehler, dass er in den Verweisen nicht sauber trennt zwischen Verweise auf andere reine Reime mit abweichender Orthographie – und solchen auf Reimgruppen, bei denen man durch Flexion der Wörter eventuell noch weitere Reime konstruieren kann. Hier hätten zwei unterschiedliche Schrifttypen schon einiges an Unfällen und Missverständnissen verhindern können.

Dass das Buch aus der Schweiz kommt, wird zwar anhand einiger Indizien deutlich, wirkt sich aber nicht bis ins Wörterbuch aus. Denn darin finden sich alle Wörter in der Gültigkeit der Alten Deutschen Rechtschreibung mit „ß“ und nicht in der Schreibweise mit „ss“. Im Vorwort des Buches finden sich allerdings die schweiztypischen nach außen zeigende Anführungszeichen «». Selbst im Dreiländerck zwischen Deutschland, Schweiz und Frankreich zuhause finde ich das ungewöhnlich aber nicht wirklich störend.

Fazit: Obwohl sich bei Peltzer einige Macken ausfindig machen lassen, gehört sein Reimlexikon neben dem Steputat, Pössiger und Harbeck zu den Guten, auf einen der Podestplätze sollte man ihn dann aber doch nicht stellen.

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Harbeck: Gut gereimt ist halb gewonnen

Harbeck: Gut gereimt ist halb gewonnen

Hans Harbeck / Anni Harbeck: Gut gereimt ist halb gewonnen. Neues Deutsches Reimlexikon. Heidenheimer Verlagsanstalt, 3. Aufl. Heidenheim 1969.

Vor ein paar Tagen hatte ich bereits davon berichtet: Harbecks Reimbuch “Reim dich oder ich fress dich”, das wir bereits an anderer Stelle rezensiert haben, hat das Zeug zu mehr, denn die Anlage des Buches ist sowohl aus verlegerischer Sicht als auch durch die Arbeit des Autors gelungen. Und schon liegt sie vor mir - die Erweiterung, die Neuauflage, das neue Buch?

Denn das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Das gegenüber seinem Pedant von 1953 in deutlich schlichterem Kleid erscheinende Buch kommt nun nicht mehr aus dem Verlag Pohl & Co, sondern aus der Heidenheimer Verlagsanstalt. Dennoch wird es als “3. Wesentlich erweiterte Auflage” eingeführt. Dass beide Publikationen eng zusammenhängen, zeigt das Vorwort. Dieses wurde für die Neuauflage zwar neu gesetzt, ist jedoch wortidentisch mit der Erstauflage. Anni Harbeck, deren Autorenschaft in der 3. Auflage neu hinzugekommen ist, wurde zwar bereits in der Erstauflage als fleißige Mitarbeiterin erwähnt, fehlte aber bislang auf dem Titel? Neuauflage oder Neuerscheinung? Auf den letzten Seiten des Buches werden wir aufgeklärt. Tatsächlich versteht sich “Gut gereimt ist halb gewonnen” als eine Neuauflage.

Für die zweite Auflage schreibt Harbeck, dass sein Reimlexikon “offensichtlich einem wirklich vorhandenen Bedürfnis” entsprach, so dass die erste Auflage bald vergriffen war. Weiterhin schreibt er, dass es mit der zweiten Auflage auch zur Umbenennung des Reimlexikons kam, denn “Der neue Titel 'Gut gereimt ist halb gewonnen' klingt fröhlicher und optimistischer als der vorige". Aber nicht nur am Buchtitel wurden Veränderungen vorgenommen, auch die “Poetik”, die bereits in der Erstauflage in kleinen Teilen angelegt war, wurde deutlich erweitert - und nicht zuletzt kamen neue “Reimsilben und Reimwörter” hinzu.

Anni Harbeck ist nun die Verfasserin des Nachwortes der dritten Auflage. Aus ihren Zeilen wird deutlich, dass auch für diese Auflage noch einmal fleißig Wörter gesammelt wurden, mit denen das Reimlexikon erweitert wurde. Auch zeitgenössische Teenagersprache hat Einzug in das Lexikon gefunden, darunter Wörter wie “dufte”.

Was hat sich denn inhaltlich getan? Viel. Zu den ursprünglich sechs Reimen auf -esten sind neun neue hinzugekommen. Auch bei -est wurde fleißig gesammelt und der Bestand von 20 Reimwörtern ist auf 35 angewachsen. Chapeaux! Der schon in der Erstauflage kritisierte systematische Fehler wurde jedoch nicht korrigiert. Immer noch fehlt die Auszeichnung der Vokallänge bei den Umlauten: Die Reimsilbe -öre versammelt nur Reime mit langem Vokal (Chöre), einen Reim auf “Plörre” kann das Reimlexikon immer noch nicht aufnehmen.

Nun halte ich also endlich meinen Favoriten in der Hand. Ein schlicht gemachtes Reimlexikon, das übersichtlich aufgebaut ist und von großem Umfang? Im Prinzip, ja! Allerdings hat der Verlagswechsel dem Buch nicht gut getan. Das Taschenbuch ist aus dem Leim. Schon nach einem Tag Gebrauch ist der Leim an mehreren Stellen gebrochen und die Seiten beginnen allmählich sich herauszulösen. Verdammt, das Glück wird nicht lange halten.

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Findefix. Wörterbuch zum Reimen

Findefix. Wörterbuch zum Reimen

Manuela Brunner / Johann Fackelmann / Heike Scheika: Findefix. Wörterbuch zum Reimen. Oldenbourg Verlag. München 2000.

Schon der Buchtitel und die Aufmachung des Buches verraten es: Mit diesem Buch richtet sich der Oldenbourg Verlag an Kinder. Ist ja irgendwie auch verständlich, dass ein Schulbuchverlag das tut. Die Frage ist nur, tut er das gut?

Der Findefix ist wie einige bereits rezensierte Reimlexika kein reines Reimlexikon, sondern gleichzeitig eine Poetik und ein wenig Metrik. Aber immerhin ist der Findefix über weite Strecken hinweg das, was er auf dem Titel verspricht: Ein Wörterbuch zum Reimen. Schon mit einem Blick auf die Buchvorderseite kann man erkennen, wo sich überall Reime im Buch versammeln. Denn alle diese Seiten wurden farblich markiert. Wenn man genau hinsieht, dann sind es drei Abschnitte: ein dicker erster, ein ziemlich dünner zweiter und ein mäßig dicker dritter.
           

Schauen wir uns den ersten Abschnitt einmal genauer an. Hier finden sich die reinen Endreime, wie wir sie auch aus den anderen Reimlexika bereits kennen. Im Prinzip halten sich die Autoren des Buches dabei an die klassische Anordnung. Die Makrostruktur bilden die Reimvokale a, ä, au, äu, e, ei, eu, i, o, ö, u und ü. Darunter werden die entsprechenden Reimendungen alphabetisch angeordnet. Die Reimvokale sind sauber nach Längen und Kürzen ausgezeichnet und übersichtlich angeordnet. Am Ende einer Reimendung stehen Erklärungen und Verweise auf andere Reimgruppen, die möglicherweise auch in der Lage sind, Reime auf das entsprechende Reimwort zu bilden. Immer am Seitenrand werden alle Reimendungen noch einmal aufgelistet, um eine möglichst schnelle Orientierung auf der Seite zu ermöglichen.

Bei unserem Reimbeispiel “testen” zeigt sich jedoch, das die bis hierhin vorbildlich gelöste Struktur zu wanken beginnt. Unter -esten, -ästen finden sich die Reime “am Besten, mästen, testen, verpesten, der Westen, die Westen”, Wie man sieht, wurden als auch gleich klingende Reime auf den Reimvokal “ä” einsortiert. Der entsprechende Hinweis darauf findet sich ja bereits in der Angabe der Reimendung selbst. Dummerweise wurde jedoch vergessen, bei -ästen einen Verweis auf -esten zu setzen. Das arme Kind, das nun einen Reim auf “mästen” sucht, es wird ihn nicht finden!

Die Reime selbst sind der Sache selbst geschuldet, nicht üppig, aber vorhanden. Aber auch hier habe ich das Gefühl, dass ich die Auswahl schon einmal irgendwo gesehen habe. Für mich sieht das wie ein kindgerechter Steputat aus, bei dem einfach ein wenig weggenommen wurde und bei dem die gleich klingenden Reimendungen zusammengeführt wurden. Aber das soll mein Problem nicht sein, sicherlich gab es hier entsprechende Absprachen zwischen den Verlagen, wobei ein entsprechender Hinweis im Quellenverzeichnis fehlt.

Im zweiten “Reimwörterbuch” das mit “Wo Wörter wohnen” beginnt, findet sich eine Zusammenstellung von zeichenkettengetreuen Wörtern, die in anderen Wörtern “wohnen”. Unter “Ampel” steht dann z.B. “Hampelmann, Pampelmuse, Strampeln”. Da diese Wörter nicht etymologisch motiviert sind, bin ich mir nicht ganz sicher, ob es überhaupt sinnvoll ist, hier von Reimen zu sprechen, aber lustig ist es allemal, sich da durchzulesen. Vor allem “Wo Zahlen wohnen” macht richtig Freude: 0: Schnuller; 1: Weinschorle, 2: Zweig; 3: Endreim ... 11: Delfin.

Im dritten “Reimwörterbuch” finden sich dann wieder echte Reime: Diesmal sind es Assonanzen: Unter “A” stehen diejenigen, die als Reimvokal ein “a” haben, dann kommen erst die, die mit “a” anfangen: Aal, Abstand, ach!, acht, bei “A,b” dann “bach, backt, Bad. Unter “AU” kommen dann alle Wörter, die als Reimvokal “au” haben, dort wieder zuerst die, die mit “a” anfangen (au, auch, auf), dann die mit “b” (Bau, Bauch). Irgendwie ist das kompliziert, wenn man es aber einmal verstanden hat, dann kann man Gedichte aus alliterierenden Assonanzen schreiben: Er baut mit der Braut ein Baumhaus in blau ... Umlaute scheinen jedoch hierzu nicht geeignet zu sein, denn diese fehlen in der Aufstellung.

Dennoch, ich bin ja kein Pädagoge, aber ich finde, dass das Büchlein das einhält, was es verspricht: Es lädt zum Selberdichten ein. Mich würde interessieren, für welche Klassenstufe das Buch konzipiert wurde. Das bleibt jedoch im Argen.

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Gunnar Kunz: Reimlexikon für Profis

Gunnar Kunz: Reimlexikon für Profis: Sieben-Verlag. Reinheim 2013.

Ganz so oft kommen ja keine neuen Reimlexika auf dem Markt. Aber heuer ist es einmal so. Gunnar Kunz hat eins gemacht, sogar eins für "Profis". Auf Papier aus "verantwortungsvollen Quellen" im Sieben-Verlag, druckfrisch aus dem Oktober 2013. Bei einem ersten schnellen Durchblättern sieht es aus wie ein ganz normales Reimlexikon. Auf fast allen Seiten stehen reihenweise Wörter untereinander. Darüber schwarz und fett formatierte Silbenendungen. "Vorwort" und "Anlage zur Benutzung des Buches" sind sehr kurz gehalten. Es ist ja auch ein Reimlexikon und keine Monographie. Die Klebebindung des Buches ist hart, zu hart. Man braucht beide Hände, um eine Seite aufgeschlagen zu halten, lässt man eine los, dann schließt sich das Kompendium vollautomatisch und haut einem auf die Finger. Lexika und Wörterbücher sollten sich anders verhalten, sie sollten geöffnet bleiben, wenn man die Hände wegnimmt. Tun sie das nicht, so ist das ein gravierendes Manko, eine echte Hürde bei der Benutzung. Wir haben schon sicherlich sechs mal darauf hingewiesen, aber der Sieben-Verlag hat den Ruf wohl noch nicht gehört.

Der "Liedertexter und Musicalautor", so beschreibt Kunz im Vorwort seine Intention zu einem eigenen Reimlexikon, ist unzufrieden mit den auf dem Markt befindlichen Dichterhilfen. Und er nennt Gründe. Gute Gründe und schlechte Gründe. Und man hört seiner Sprache und Wortwahl an, dass er nicht vom Fach ist. "altertümliche Wörter" meint wohl 'historische Semantik', "Verbzusammensetzungen" wohl 'Verbfernstellung', natürlich ist die "Aussprache ... entscheidend" für den Reim, aber was genau das Entscheidungskriterium ist bleibt ungesagt.

Diese Ungenauigkeit zieht sich auch in die "Anlage und Benutzung des Buches" hinein. Eine "individuelle Kombination von Prinzipien" ist Grundlage seiner Sortiermethode, im Einzelnen genannt: Die Silbenzahl, der Vokal mit der Hauptbetonung, der Rhythmus, die Melodie". ÖÖÖhm, von was reden wir hier eigentlich? Über was für Reime sprechen wir hier eigentlich? "Rhythmus", "Metrum", "Melodie", das sind Begrifflichkeiten, die hier nichts verloren haben. Eine "Hauptbetonung" wird nicht "lang oder kurz" ausgesprochen. Egal ...

Was uns Kunz sagen will: Sein Reimlexikon weist eine Sortierung auf, die es ermöglichen soll, die gesuchten Reime in seinem Buch ausfindig zu machen. Das Grundprinzip seines Reimlexikons steht voll in der Tradition vieler Vorgänger. Das oberste Sortierkriterium ist der Vokal der letzten betonten Silbe (Bei ihm z.B. A-Reime, E/Ö-Reime). Es wäre sehr klug gewesen, dieses Sortierkriterium auf allen Seiten im Kopftext mitzuführen, denn ganz einfach ist es nicht, sich an die richtige Stelle zu manövrieren. Dass "E"- und "Ö"-Reime in einer Kategorie erscheinen: naja, manche wird es aufregen, manchen wird es einige Blätterei ersparen. Ohne einen Eintrag in der Kopfzeile weiß man allerdings oft nichtmal, in welche Richtung man blättern muss, um seine Reime zu finden.

Als zweites Kriterium dient der der Gleichklang der Reimsilbe. Das hat ebenfalls gute Tradition. Nun hat Kunz sich aber entschieden, uns das Blättern abzunehmen und tut etwas, das ungewöhnlich ist für ein Reimlexikon. Er bindet auch "unreine Reime" und betonungsverschobene Reime (bei Kunz "unbetonte Reime") ein. "unreine Reime" definiert er nicht genauer. In eckigen Klammern stehen zu Beginn dieses zweiten Sortierkriteriums Verweisartikel zu Reimendungen, die zwar gleiche vokalische Qualität aber ähnliche konsonantische Qualität aufweisen. Damit verlässt Kunz still und heimlich die alte ehrwürdige und zugleich fragliche Anlage gedruckter Reimlexika, denn nun finden sich bei Kunz nicht mehr nur noch so genannte "reine Endreime" sondern auch Assonanzreime. Ähnlich verhält es sich bei Einträgen des zweiten Sortierkriteriums, die mit einem Asterisk (*) abschließen. Reime in diesen Gruppen sind so genannte "betonungsverschobene Reime", die oft und gerne in anderen Reimlexika fehlen. Prallen zwei betonbare Silben aufeinander wie z.B. in "Hausflur", so lassen sich drauf auch Wörter wie "Kur" und "Dur" reimen. Auch das sind keine echten "reinen Endreime". Und nun kommt das dritte Sortierkriterium ins Spiel:

Nur bei Einträgen des zweiten Sortierkritieriums, die einen betonungsverschobenen Reim aufweisen und mit * gekennzeichnet sind, entstehen Untergruppen. Diese bilden das dritte Sortierkriterium. Diese Überschriften werden unterstrichen und nicht fett dargestellt und nach Vokalqualität unterschieden. Wenn man so will, reimt sich demnach "Panama", das nach dem zweiten Sortierkriterium -a als Reimsilbe aufweist, auf das Wort "Taiga" im dritten Sortierkriterium "ei:" Probieren wir es mal: Es lebte eins in Panama, ein Panda namens Horst Micha", oder "Wir lesen gern Erotika, von Parma bis nach Uganda". Ok! Vom Prinzip her ok, aber in der Auswahl der Reimwörter sehr fraglich.

Völlig vergessen wurde der Einfluss der Vokallänge im zweiten Sortierkriterium: die beiden Wörter "weg" und "Weg" unterscheiden sich in der Tatsache, dass das eine "e" kurz und das andere "e" lang gesprochen wird. Unter "-eg" finde ich den "Weg", aber der Reim auf "weg" ist weg. Man findet ihn, und zwar unter "-eck", es fehlt aber jede Erklärung, was der Unterschied zwischen "-eg (1)" und "-eg (3)" ist. Und bei letzterem gibt es einen Verweis auf "-eck" (1+2). Hier haben andere Reimlexika eine klare Unterscheidung definiert, die man hätte ohne Probleme übernehmen können.

Gucken wir mal, was Kunz an Reimen zu unserem Testwörtchen "testen" ausspruckt: Erstmal suchen! Nach einigem Hin und Her finde ich auf Seite 112 den entsprechenden Eintrag: "-este/n (1)": "ich äste", "drehste", "Dresden", "gehste", "stehste" und viele viele mehr! Tolle Reime, aber leider nicht auch "testen". Denn "testen" reimt sich einfach nicht auf "Dresden". Wieso eigentlich nicht? Tja, oben stehts: Vokallänge!

Das Reimwörtchen "führende", das wir als Testwörtchen für unsere digitalen Reimlexika verwendet haben (Betonung auf der Antepenultima), würde Kunzes Anlage sprengen, denn hier finden sich nur Reimsilben mit ein und zwei Silben. Dreisilbige Reimsilben werden nicht geführt. Also schaue ich noch schnell unter "-ende", denn da soll man laut Kunz in einem solchen Fall nachschlagen: Ne, nix, nur reine Endreime auf -ende, dann eben Ende.

Nee, noch nicht ganz, da ist ja noch der vielversprechende Werbetext auf dem Buchrücken: Ja, ich suche den "Dealer von Manila", das ist ein toller Reim und der Text sagt mir, dass ich ihn hier finde: Unter "iler/n (1)" finde ich irgendwann den "Dealer". Damit trete ich in Vorleistung, denn ich weiß, wie das englische "ea" auszusprechen ist, unter "-ealer" gibt es keinen Eintrag, der mich leitet. Ich folge dem Verweis auf "ila -> a (2)". Mist, ich finds nicht, doch ich find's. Unter dem Dritten Sortierkriterium "i_" bei "-a* (2)" unter "A-Reime". Da steht "Manila". Und jetzt sehe ich auch, dass unter diesem dritten Sortierkriterium die Vokallänge schön sauber mit einem Längenstrich über dem "i" angegeben ist, so, wie ich es kenne. So schlecht ist das Buch gar nicht. Aber weniger was für Weihnachten, mehr was für Ostern.

Kunz wird in seinem Reimlexikon der eigenen Kritik nicht gerecht. Es ist nicht leicht, Reime zu finden und Blättern muss man wie eh und je. Vielleicht gewöhnt man sich an die Anlage des Buches, vermutlich aber wird es viele Benutzer abschrecken. Eine konkrete Trennung der unterschiedlichen Reimkategorien "reimer Endreim", "betonungsverschobener Reim" und " Assonanzreim" in drei Abschnitte würde dem Buch gut tun.

Der Autor des Buches antwortet:

Ich habe inzwischen eure Rezension meines Reimlexikons gelesen und möchte dazu ein paar Anmerkungen machen.

Kritik ist gut und richtig, und dass ein solch komplexes Werk nicht perfekt ist, nicht perfekt sein kann, war mir von Anfang an klar. Dass die Klebebindung zu hart ist und es darüber hinaus gut gewesen wäre, die Sortierkriterien im Kopftext mitzuführen – keine Frage, da habt ihr absolut recht.

Über Begrifflichkeiten will ich mich nicht streiten, auch wenn z.B. die Google-Suche nach „Verbzusammensetzungen“ 4.320 Treffer ergibt, die Suche nach „Verbfernstellung“ dagegen 2 – anscheinend benutzen nicht allzu viele Leute dieses Wort. Die Bemerkung, ich sei „nicht vom Fach“, die den Eindruck erweckt, dass es euch mehr um die Verteidigung von Revieren geht als um eine Auseinandersetzung mit dem Buch, macht darüber hinaus nur dann Sinn, wenn erklärt wird, welches Fach gemeint ist. Philologie? Dann ist der Vorwurf korrekt, wenngleich überflüssig, weil dies kein Buch für Philologen ist. „Praxisorientiert“ steht im Klappentext, das Buch wendet sich nicht an Theoretiker, sondern an Autoren, die z.B. für Bühne, Buch, Hörspiel reimen. Ein Musicalautor dürfte mit „altertümliche Wörter“ deutlich mehr anfangen können als mit Fachchinesisch à la „historische Semantik“. Aber das nur am Rande.

Gern hätte ich ein Beispiel für die „schlechten Gründe“ meiner Unzufriedenheit mit bestehenden Lexika gelesen, das würde mich ganz ehrlich interessieren. Aber die Begründung für eure Einschätzung bleibt ihr hier genauso schuldig wie bei der Behauptung, „Rhythmus“ und „Metrum“ hätten in einem Buch über Reime nichts zu suchen.

Ärgerlich finde ich allerdings, wenn ihr Dinge kritisiert, gegen die ich mich im Buch explizit selbst wende. „Panama“ soll sich auf „Taiga“ reimen? Wie kommt ihr darauf? Das klingt arg gequält, aus diesem Grund stehen diese Begriffe ja auch unter zwei verschiedenen Stichwörtern. Und eure folgenden jambischen Beispielsätze beweisen, dass man Rhythmus und Metrum eben nicht einfach ignorieren kann. „Micha“ mit Betonung auf der zweiten und „Uganda“ mit Betonung auf der dritten Silbe finde ich reichlich gruselig.

Einerseits beschwert ihr euch darüber, dass viele Dinge nicht erklärt seien, lest aber andererseits selbst die bestehenden Erklärungen nicht mal richtig durch. Die Einträge unter Asterisk-Stichwörtern habe ich eben gerade deshalb von den Einträgen unter normalen Stichwörtern getrennt, weil sie nur für unmusikalische Gemüter einen Reim ergeben. Da ihr Musikalität und Metrik offenbar ablehnt, kommen dann folgerichtig so unpassende Reime dabei heraus wie in euren Beispielen. Nein, ich binde keine „betonungsverschobenen Reime“ ein, im Gegenteil, ich trenne sie von den anderen. Und zwar im Gegensatz zu den üblichen Reimlexika, die alles kunterbunt durcheinandermischen, wie ich im Vorwort beschreibe. Warum ihr hier das Gegenteil behauptet, ist mir schleierhaft. Lediglich durch Umbildung, wie auf S. 6 erklärt, sind u.U. zusätzliche Reime möglich. Man kann „Panama“ nicht auf „Micha“ und „Erotika“ nicht auf „Uganda“ reimen, ohne der Sprache Gewalt anzutun. Etwas, dass ich explizit ausschließe, trotzdem auf Biegen und Brechen zu versuchen und dann dem Buch anzukreiden, als hätte ich das empfohlen, finde ich reichlich fragwürdig.

Dass es einige Zeit braucht, sich an eine neue Systematik zu gewöhnen, gebe ich gern zu und verstehe auch, dass es anfänglich zu Irritationen führen kann. Dennoch ist es keine Hexerei, ein bestimmtes Wort zu finden. Ihr sucht einen Reim auf „weg“ mit kurz betontem „e“? Schauen wir mal unter dem Stichwort „-eg“. „-eg (1)“ fängt mit „feg‘“ an, offenbar stehen hier die Wörter mit lang betontem „e“, das kann es also nicht sein, „-eg* (2)“ fängt mit „brachleg‘“ an, offenbar stehen hier die Wörter mit unbetontem „e“, das kann es also auch nicht sein, „-eg (3)“ verweist auf „-eck (1-2)“, aha, da haben wir’s. Dauert wenige Sekunden. Eine klare Unterscheidung ist also sehr wohl „definiert“, sie wird lediglich nicht erklärt, weil ich erstens davon ausgehe, dass jeder diese Schritte selbst nachvollziehen kann, weil ich zweitens in der Testphase zum Buch die Erfahrung gemacht habe, dass zu viele Erklärungen abschreckend wirken, und weil es drittens, wie gesagt, kein Buch für Wissenschaftler ist, sondern eines für Nutzer.

„testen“ reimt sich nicht auf „Dresden“, und zwar wegen der Vokallänge, richtig. Deswegen stehen die Reime auf „testen“ ja auch nicht unter „-este/n (1)“ – da werdet ihr das Wort „testen“ nämlich vergeblich suchen –, sondern natürlich unter „-esste/n (1)“ eine Seite vorher, wie der Verweis unter „-este/n (2)“ auf Seite 113 klar macht. Noch einmal: In diesem Buch werden Wörter nach Aussprache sortiert und nicht nach Schreibweise.

Dass „führende“ unter „-ende“ gesucht werden soll, wird nirgends behauptet. In der Benutzungshilfe auf S. 6/7 wird als Beispiel „pfeifend“ angeführt, das man unter „-eife/n“ suchen kann, folglich kann man „führende“ unter „-üre/n (1)“ auf S. 194 erschließen und z. B. „rührende“ darauf reimen.

Wer einen Reim auf „Dealer“ sucht, tritt nicht in Vorleistung, der weiß bereits, wie das Wort ausgesprochen wird, deswegen sucht er ja den entsprechenden Reim dort. Im Übrigen halte ich es auch für ein bisschen weltfremd anzunehmen, es wisse niemand, wie dieses in jedem zweiten Krimi verwendete Wort ausgesprochen wird. Eher schon weiß jemand nicht, wie es geschrieben wird, und das braucht er auch nicht, weil das Buch wie gesagt nach Aussprache sortiert und nicht nach Schreibweise.

Drei verschiedene Abschnitte für unterschiedliche Reime, wie ihr sie am Ende eurer Rezension wünscht, würde einen dreifachen Umfang des Buches bedeuten, weil jedes Reimwort in jedem Abschnitt erneut auftauchen müsste. Das ist wirtschaftlich nicht machbar und auch unnötig. Denn die klare Trennung findet im Buch ja statt: der reine Endreim steht unter einfachen Stichwörtern, der „betonungsverschobene Reim“ unter Asterisk-Stichwörtern, und einen Hinweis auf „Assonanzreime“ findet man in eckigen Klammern. Klarer geht’s nicht.

Ich bedauere sehr, dass ihr euch nicht die Zeit genommen habt, euch auf die neue Systematik einzustellen. Dass so etwas ein bisschen Übung braucht, ist unbenommen, das ist halt so bei Neuerungen. Doch wer das Reimlexikon richtig benutzt, muss in der Tat nur einmal blättern und nicht zahllose Male wie in anderen Lexika.

Ich hätte mir eine angemessene Rezension des Buches gewünscht, eine Rezension, die das bespricht, was auch wirklich drin steht. Schade, dass das nicht passiert ist.

Viele Grüße,
Gunnar

Der Rezensent antwortet:

An den Autor

Zunächst danke ich dem Autor für seine Einwände. In dieser Diskussion entsteht ein weitaus besserer Blick auf das Buch als eine einseitige Berichterstattung aus meiner hektischen Feder. Gerne gehe ich auf die einzelnen Punkte ein:

Zu den "Begrifflichkeiten" ist zu sagen, dass ich natürlich dem Autor seine Kompetenzen in Bezug auf seine Leistungen als "Liedertexter und Musicalautor" weder abstreiten darf noch will. Natürlich bezieht sich die Kritik auf das Fach "Philologie".  Auch wenn der Begriff "Verbfernstellung" in der Tat ungebräuchlich ist, so bedeutet er etwas anderes als "Verbzusammensetzungen". Es gibt nun einmal trennbare und nicht trennbare Verben und beides sind "Verbzusammensetzungen". Die "Verbfernstellung" bezeichnet den Zustand, dass trennbare Verben in einem Satz so konstruiert werden, dass der eigentlich vorangestellte Teil des Verbs ... nein, über Begrifflichkeiten wollen wir uns nicht streiten. Denn darum geht es hier nicht.

Zu den schlechten Gründen: Ein Reimlexikon muss nichts! Einen fingierter "Leser", dessen Gewohnheiten, Wünsche und Ansprüche prognostiziert werden, gibt es nicht. Für mich und sicherlich für viele andere Benutzer eines Reimlexikons liegen die Wünsche an ein solches ganz wo anders. Ich WILL ein Reimlexikon, in dem auch "ungebräuchliche Wörter" und "altertümliche Wörter" stehen."Verweise müssen NICHT so gestaltet sein, dass der Benutzer nicht blättern muss. Sie KÖNNEN. Ich WILL blättern. Und kein Reimlexikon der Welt kann mir das verbieten.

"Rhythmus" und "Metrum" sind Begriffe der Metrik. Je nach Auffassung ist der Reim ein Teil der "Metrik". Es gibt tatsächlich historische Reimlexika, die metrisch arbeiten. Darin gibt es dann z.B. Daktylusreime. Das "Reimlexikon für Profis" arbeitet nicht metrisch, denn "Quark" und "Steiermark" haben nicht das gleiche Metrum, reimen sich aber darin. Der Reim ist ein klangliches Phänomen, die Definition des Endreims lautet: klangliche Übereinstimmung der beiden Wörter ab dem letzten betonten Vokal. Oft unterschlagener Zusatz dieser Definition: Mit einer klanglichen Abweichung der Konsonanten vor dem letzten betonten Vokal. "Liebe" reimt sich in der Definition des "reinen Endreims" eben nicht auf "Liebe". "Rhythmus und Metrum" sind nicht über einen Gleichklang definiert: "Wurstsalat" und "Hühnerbein" haben nicht den gleichen Rhythmus und das gleiche Metrum, sie haben den gleichen Versfuß und damit eine identische Abfolge von betonten und unbetonten Silben. "Quark" und "Steiermark" haben das nicht und sind dennoch "reine Endreime".  "Rhythmus" und "Metrum"  haben keinerlei Sinnhaftigkeit in Bezug auf den Reim. Denn im "Gleichklang" zweier Wörter ist die Länge des Vokals und die betonten Silben bereits umfassend definiert.

Wieso finde ich keine Reime auf "testen"? Es gibt sie also die Reime auf "testen", wenn man das Stichwort "esste/n (1)" gefunden hat. Nun meine Frage: Wie finde ich dieses Stichwort? Da, wo ich normalerweise suche, steht es nicht und es gibt keinen Verweis. Woher soll der Benutzer wissen, dass das Stichwort mit Doppel-s geschrieben wird und zwischen etlichen ö-Reimen versteckt auf sein Auffinden wartet? Ich habe eine Vermutung! Der Autor hat still und heimlich für sich entschieden, dass das Stichwort "e.sten" mit kurzem Vokal dadurch angezeigt wird, dass er es unter "essten" einsortiert! Wieso nicht einfach die Vokallänge anzeigen und auf das Doppel-s verzichten? Wenn das Reimwörterbuch sich an der Aussprache orientiert, dann hat das Doppel-s hier nichts verloren, denn das ist Orthographie oder im besten Fall eine Pseudo-Phonetik, die deutlicher Erklärung bedarf.

Wieso reimt sich "Panama" auf "Taiga" und wieso nicht? Im "Reimlexikon für Profis" reimt sich "Dealer" auf "Manila". So steht es auf der Rückseite des Buchs. "Dealer" ist unter dem zweiten Sortierkriterium "iler/n (1) auf Seite 171 aufgeführt.  "Manila" ist unter dem dritten Sortierkriterium "i_" unter dem zweiten Sortierkriterium ""- a* (2)" auf Seite 9 aufgeführt. Demnach müssen sich Reime aus dem Sortierkriterium 2 mit denen aus Sortierkriterium 3 reimen. Beim besten Willen verstehe ich nicht, wieso "Panama" und "Taiga" sich dann nicht reimen sollen, denn auch diese beiden Wörter stehen in identischen Kategorien. Ich verstehe auch nicht, wieso sich die Reimwörter einer Kategorie 3 nicht zueinander reimen? "Manila" und "Dia" stehen in der gleichen Gruppe unter Kategorie 3, aber sie bilden keinen Reim? Vielleicht hat es eine Logik, aber ich sehe sie nicht.

"Wieso habe ich bei meiner Suche nach Reimen auf "führende" etwas falsch gemacht? Zitat aus der Benutzungsanleitung des Reimlexikons: "Die Stichwörter sind höchstens zweisilbig. Sollten Sie ein Stichwort nicht finden, z.B. weil die Betonung auf der drittletzten Silbe liegt ("Radium"), versuchen Sie es mit der unbetonten letzten oder vorletzten Silbe (also -ium oder -um statt -adium)." Zitat Ende. Nach dieser Anleitung werde ich also auf der Reimsuche nach "führende" auf "-ende" oder "-de" verwiesen, da der dreisilbige Reim "-ürende" nicht kategorisiert ist.  Wenn nun behauptet wird, dass nicht behauptet wird, dass man so suchen soll, dann bin ich sprachlos. Denn ich halte mich exakt an die Anleitung.

Abschließend bleibe ich bei meiner ursprünglichen Ansicht, dass dieses "Reimlexikon für Profis" nicht für "Profis" gemacht ist. Denn ich bin ein "Profi" und ich komme damit so nicht klar. Ich blättere ich diesem Reimlexikon nicht weniger sondern eher mehr - und schlimmer noch: hilfloser. Unbestritten hat dieses Reimlexikon einen guten Bestand, aber die Benutzerführung und die Anlage des Buches sind unvollkommen bis falsch. Ihm fehlt ein "Profi", der sowohl das "Vorwort", die "Benutzerführung" sowie die Verweisstruktur und die Systematisierung der einzelnen Sortierkriterien überarbeitet. Geschieht dies nicht, wird dieses Reimlexikon seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht und bleibt unbenutzbar.

Beste Grüße
Der Rezensent

Der Autor erwidert:

Hallo Klemens,

ich möchte die Diskussion nicht ausufern lassen, aber doch wenigstens noch zwei, drei Dinge anmerken.

Das Reimlexikon, ich kann es nicht oft genug wiederholen, richtet sich an Leute, die aus beruflichen Gründen beispielsweise fürs Musical reimen. Nicht an Leute, die sich professionell mit Sprache beschäftigen, sondern an Leute, die professionell REIMEN. Mag sein, dass Du gern blätterst – wer ein Reimlexikon als Arbeitswerkzeug benutzt, möchte, dass es wie jedes gute Werkzeug schnell und effektiv zum Ergebnis führt.

Ich sortiere INNERHALB eines Stichworts unter anderem nach metrischen Gesichtspunkten. „veränderbar“ steht eben nicht neben „elementar“, obwohl beide vier Silben haben und zum gleichen Endreim gehören.

Wundern muss ich mich über die Beharrlichkeit, mit der Du Reime auf „testen“ nicht finden willst. „teste/n“ wird unter „-este/n“ gesucht, und da „teste/n (1)“ nicht das richtige Stichwort sein kann, weil dort die Wörter mit den lang gesprochenen Vokalen stehen (die stehen bei mir übrigens immer als Erstes), guckt man weiter und findet unter „-este/n (2)“ den Hinweis, wo die entsprechenden Reime zu suchen sind. Da ich Dir dieses bereits in meiner letzten Mail mitgeteilt habe, Du jedoch immer noch darauf beharrst, es gäbe diesen Hinweis nicht, kann ich nicht länger an ein Versehen glauben, sondern muss böswillige Absicht vermuten. Ein Hinweis ist keine Frage der Interpretation, er steht schwarz auf weiß auf Seite 113. An der richtigen Stelle.

Nach wie vor verstehe ich nicht, warum Du versuchst, um drei Ecken zu denken und Stichwörter miteinander zu kombinieren, obwohl das Grundprinzip doch so simpel ist. Die Klammern mit den Zahlen bezeichnen keine Kategorien, gleich geschriebene Stichwörter sind einfach zur Unterscheidung durchnummeriert. Ich wiederhole noch einmal, obwohl sich das ganze Buch im Wesentlichen um diesen Punkt dreht und dieser Punkt mehrfach in Vorwort und Benutzung angesprochen wird: ALLE Reimwörter stehen unter EINEM Stichwort. Keine Kombination von Kategorie X und Y nötig. EIN Stichwort. Weil es Leute gibt, die nicht gern blättern.

Gelegentlich – bei „Assonanzreimen“ oder dort, wo ich allzu viele Wortdoppelungen vermieden habe, um das Wörterbuch nicht unnötig aufzublähen –, gibt es Hinweise, wo man zusätzlich suchen kann, aber auch diese Hinweise stehen unter DEMSELBEN Stichwort. EIN Stichwort.

Durch UMBILDUNG, so steht es in der Benutzungsanleitung, kann man eventuell, wenn einem die gefundenen Reime nicht genügen, aus den Einträgen unter „Asterisk“-Stichwörtern zusätzliche Reime zu den „normalen“ Stichwörtern bilden, z.B. indem man „ausheckt“ zu „ausgeheckt“ macht. Letzteres reimt sich auf „Sekt“, Ersteres nur unter Qualen. Aber das ist lediglich eine zusätzliche Chance und, wie gesagt, nur durch UMBILDUNG möglich. Die eigentlichen Reime stehen weiterhin unter EINEM Stichwort.

Offensichtlich möchtest Du Dich nicht auf das Lexikon einlassen, das ist schade. Du kannst sagen, dir gefällt der Ansatz nicht, weil Du lieber blätterst, okay. Du kannst sagen, Du findest die neue Systematik schwierig oder Du seist der Meinung, die Vorteile würden die Nachteile nicht aufwiegen, auch okay. Aber Dir eigene Regeln auszudenken, Dinge miteinander in Beziehung zu setzen, die nicht dafür vorgesehen sind, und dann dem Buch vorzuwerfen, dass das nicht funktioniert, finde ich unseriös. Da Du darüber hinaus auch meine Erklärungen wie den Hinweis auf „teste/n (2)“ in meiner letzten Mail beharrlich ignorierst, sehe ich keinen Sinn darin, diese Diskussion fortzusetzen.

Trotz allem viele Grüße,

der Autor

Der Rezensent kontert:

Hallo Gunnar,

ich war bis gestern im Urlaub, deshalb ist Dein Text noch nicht eingebunden. Auch fehlt mir dafür noch eine Erlaubnis von Dir, die Du aber nun ja quasi erteilt hast.

En Detail: Die Erklärung, dass ich diesen Hinweis von Dir nicht nachvollziehen konnte, bin ich nicht schuldig geblieben. Ich habe diese Gruppe schlichtweg nicht gefunden. Drei anderen Testlesern ging es genau wie mir. Das Wort "ästen" mit langem Vokal meint 'Gras (fr)essen', das Wort "ästen" mit kurzem Vokal meint etwas anderes:

http://www.duden.de/rechtschreibung/aesten

Es ist ein Irrglaube, dass "ästen" als erster Eintrag die Richtung der gesamte Gruppe vorgeben könnte. Die Einbindung der ö-reime bei "e" ist erklärt, das ist richtig. Dass aber der Unterschied in der Vokallänge zwei Einträge so weit auseinander reißt, dass die ö-Reime dazwischenrutschen, ist formal einfach benutzerunfreundlich.

In der Anleitung wird auf die Bedeutung der Buchstaben (1) und (2) nicht eingegangen. Das Beispiel dort suggeriert, dass diese Zahlen irgendwas mit dem Asterisk zu tun haben. Ich sehe nun, dass das nicht so ist, aber die Erklärung fehlt.

Ich habe mich wirklich auf dieses neuen Reimlexikon gefreut, eben gerade, weil es diese Neuerungen aufweist, die andere Reimlexika so nicht oder zumindest nicht in diesem Umfang aufweisen. Aber es war keine böse Absicht, dass ausgerechnet bei den beiden Testwörtchen, die ich für die anderen Reimwörterbücher verwendet hatte, der Wurm drin war. Bis jetzt verstehe ich nicht, dass Du beharrlich schreibst, dass alle Wörter, die sich reimen, in einer Gruppe stehen und ich bei "Dealer aus Manila" blättern soll? Das eine Wort steht auf S. 171, das andere ganz wo anders. Was dieser Kettenverweis unter "iler/n (1)" bedeutet, verstehe ich auch nicht und es wird auch nicht erklärt. Ich verstehe nicht, wieso ich Reime bilde, die Deiner Ansicht nach nicht gebildet werden dürfen. Ich verstehe auch nicht, dass Du in den Punkten, in denen ich auf Deinen Widerspruch antworte, nicht mehr reagierst, so z.B. bei der Frage, wie man Reime auf "führende" finden soll.

Über all diese Ärgernisse hinaus sind die Inhalte des Buchs völlig in den Hintergrund gerückt. Ich habe mehrfach gesagt, dass der Bestand gut ist, er aber nicht zur Geltung kommen kann. Und diesen Standpunkt kann ich auch nicht aufgeben. Ich habe alle deutschen Reimlexika, seien sie gedruckt oder elektronisch erschienen, einschlägig angesehen - und nur in einem anderen Fall länger gebraucht, um es zu verstehen als bei Deinem - und dieses Reimlexikon ist 350 Jahre alt.  Mit all dieser Erfahrung garantiere ich Dir hier und heute, dass Dein Reimlexikon kein Kassenschlager werden wird, denn die "Absprungrate" eines durchschnittlichen Benutzers liegt digital bei 10 Sekunden, im gedruckten Buch bei vielleicht 5 Minuten. Niemand wird sich die Mühe machen, es zu verstehen, wenn es sich nicht aus sich selbst heraus erklärt. Und was ich anprangere ist: Das Buch könnte das leisten, es tut es aber nicht! Noch nicht. Alle meine Hinweise und Deine vergangenen und zukünftigen Erfahrungen Deiner Leser werden Dir vielleicht die Gelegenheit geben, diese Hindernisse auszuräumen. Noch ein Setzer, der weiß, wie man Indesign richtig bedient und ein wenig Ahnung von Gestaltung hat - und dann bist Du auf der guten Seite.

Kollegiale Grüße

Der Rezensent

 

ECHTREIM nach oben

ECHTREIM ist eine algorithmisch erzeugte Reimdatenbank, die auf der Forschungsumgebung M² aufbaut. Es werden ca. 1,5 Millionen unterschiedliche Wörter verarbeitet. ECHTREIM ist damit die umfangreichste und zugleich beste Reimdatenbank, die es für die deutsche Sprache gibt. Würde man ECHTREIM in einem Buch drucken wollen, dann wären dafür mehrere Meter Bücherregal notwendig.

Ausgereimt? nach oben

"Haribo macht Kinder froh" und "Wenn ich nur so begehrt wär, wie der Cornetto Erdbeer" sind totsichere Werbebotschaften, da die metrische Struktur und die Reime die Zeilen zusammenhalten und dadurch einen sehr hohen Memorierungswert aufweisen. Dennoch ist zu beobachten, dass sich die Bedeutung von Reimen aus der Sicht der Marketing-Strategen seit der Nachkriegszeit immer weiter abschwächt. Der Reim, so die Strategen, habe seine Funktion in der Werbung verloren. Aber stimmt das wirklich? Nein, denn der Memorierungseffekt reimender und metrischer Strukturen hat sich bis heute erhalten, ungleich weniger jedoch die Kreativität der Werbeschaffenden.

Blicken wir zunächst einmal auf den Reim selbst. Die Botschaft, dass der Reim immer mehr auf dem Rückzug sei, ist so nicht richtig, denn unter "Reim" versteht man ja nicht nur den "reinen Endreim" wie in "Herz" auf "Schmerz", sondern ebenso auch die Alliteration wie in "Geiz ist geil" und "Gut und günstig". Auch das sind Reime. Sehr junge Reimformen wie der im Hip-Hop eingesetzte Doppelreim "redegewandt" auf "jede bekannt", in dem sich möglichst viele Silben der beiden Reimwörter zu reimen haben, fehlen im Repertoire der Marketing-Agenturen.

Ein Slogan wie "Leistung aus Leidenschaft" ist aber nicht nur durch seine Alliteration merkfähig, sondern auch durch seine metrische Struktur. Ein zweihebiger Daktylus (+ - - + - -) bildet die Betonungsstruktur und macht den Slogan somit erst richtig merkfähig. Greift man bei einem Slogan nicht auf eine metrische Struktur zurück, so bleibt der erwünscht Effekt aus - oder aber der Slogan wird sich einem derartigen Schema annähern. Wenn RTL Nitro heute mit "Fernsehen für Helden" wirbt, dann kann man heute schon davon ausgehen, dass es früher oder später zu "Fernseh'n für Helden" reduziert werden wird - wieder eine klare daktylische Betonungsstruktur. Die analog gebildeten Vokale der zwei kurz gesprochenen "e" in "Fernsehn" und "Helden" machen den Slogan dann gut - und auch das sind Reime, nämlich Assonanzreime. Auch in der Erweiterung des Haribo-Slogans versteckt sich so ein metrischer Stolperstein: "Und Erwachsene ebenso" greift das trochäische Metrum des ersten Teils nicht korrekt auf, denn eigentlich müsste es "Erwachs'ne" lauten. Ein Vergleich bei Google zeigt, dass 1/4 aller Zitate dieses Slogans bereits "Erwachs'ne" aufweisen. Und täusche ich mich nicht? Singen die in der Werbung nicht auch "Erwachs'ne"?

Die Kunden verändern also auch Werbebotschaften - und wenn Werbetreibende das nicht berücksichtigen, kann ein Slogan auch ganz schnell zur Negativbotschaft werden. In diesem Fall hat es zunächst einen anderen erwischt: "Sterben muss man sowieso, schneller gehts mit Marlboro" dichtete der Volksmund - und das mit Sicherheit in Anlehnung an den Haribo-Slogan. Mittlerweile wird auch Haribo selbst gekontert: "Haribo macht Kinder fett - steht sogar im Internet." Wenn die Doppelreime also nicht aus den Werbeschmieden kommen, dann kommen sie halt aus dem Zielpublikum.

Aber es gibt noch mehr Reimkategorien: "Ehrmann. keiner macht mehr an" hatte und hat einschlagenden Erfolg gefeiert, auch hier steckt eine eigene Reimkategorie dahinter: der Schüttelreim, und auch hier steckt ein großes kreatives Potential dahinter, das von der Werbung noch nicht genügend berücksichtigt wird. Wieso? Weil sie noch gar nicht verstanden haben, was ein Schüttelreim ist: So findet man auf der Internetseite von werbepraxis-aktuell folgende Aussage über "die besten Anzeigen": "Neuester Schüttelreim aus dem Hause Wasl & Wüst, Werbeagentur aus München: 'Der Jäger gut bei Expert parkt, drum meidet er den Media Markt.'" Bitte wo ist denn da der Schüttelreim?

Wer also sagt, dass der Reim in der Werbung ausgedient hat, der irrt. Vielmehr verbergen sich im Reim und im Metrum eines Slogans wichtige Elemente der Kundenbindung, die lange noch nicht ausgeschöpft sind - wenn man das Handwerkszeug beherrscht. Eine historische Werbebotschaft aus dem Einzelhandel wie "Der Sommer naht - kauft Draht" ist eigentlich durch seine imperativische Form altbacken, hat jedoch durch seine bestechende Logik und metrische Form schon wieder Charme. "Drei, zwei, eins, meins" hingegen ist frisch und kreativ zugleich - und eigentlich ein kleines Gedicht in perfekter metrischer Form und mit klaren Endreimen. Nein, der Reim in der Werbung ist nicht tot, man muss halt verstehen, wieso. Beginnen könnte man da in der Ausbildung und bei den Schulungsunterlagen. Da lese ich z.B., dass Manuela B. den Reim definiert als: "Gleichklang eines Verses in der Lyrik". Mon Chéri, wer kann dazu schon "ja" sagen?

Sag's in Reimen nach oben

Sind Reime auch heute noch ein Zeichen von Humor oder wird diese Art von Werbung als altmodisch erlebt? Über diese Frage diskutieren Dr. Felix Gamillscheg (ehem. Chefredakteur und Mitherausgeber „Die Furche“), Mag. Jürgen Colombini (Geschäftsführer, Unique Werbeagentur) und Mag. Willy Lehmann (Geschäftsführer, Willy Lehmann Markenagentur).

E. Bay: Drei, zwei, eins: meins! nach oben

E. Bay: Drei, zwei, eins: meins!

E. Bay:
Drei, zwei, eins...meins!
Das vielleicht kleinste Gedicht der Welt

Von wegen, der Reim habe ausgedient. Man muss nur genau hinschauen – und unterscheiden lernen. Aber wenden wir unsere Aufmerksamkeit zunächst auf das Kunstwerk selbst:

Drei, zwei, eins... meins!

Bei diesem Gedicht von E. Bay aus dem Jahr 2003 ist alles vereint, was Lyrik verbindet: Reim, Metrum und Prosodie. Es folgt der traditionellen Ästhetik und wirkt dennoch erfrischend jung. Wie gelingt aber dieser Spagat zwischen Tradition und Innovation?

Sehen wir uns hierfür zuerst die formale Seite des Textes an: Aller Wahrscheinlichkeit nach haben wir es mit einem einstrophigen, vierversigen Werk zu tun, dessen formale Struktur vom Autor durch den langzeiligen Satz jedoch – ganz in der Tradition des Jean Paulschen Streckverses – aufgelöst wird. Als Metrum des Gedichtes lässt sich demnach der akatalektische ausgestaltete Trochäus ausmachen. Diese Wahl ist gleichsam klug wie ungewöhnlich. Der dadurch erzeugte Hebungsprall am Versein- und -ausgang legt auf jede einzelne Silbe des Gedichtes Gewicht – und zwar gleichsam auf jede Silbe, wodurch nicht nur der Tonakzent sondern auch die Tondauer in ein Gleichmaß gebracht werden. Fast könnte man sagen, dass durch diese Entscheidung das Metrum des Textes kaschiert wird. Er ist metrisch und will es gleichsam nicht sein. Dieser Einsicht folgend setzen wir das Gedicht zunächst in seine exakten metrischen Rahmen:

Drei,
zwei,
eins...
Meins!

Der Autor des Gedichts hat sich für den Paarreim entschieden (aabb). Auch hier haben wir es zunächst mit einer traditionellen Form zu tun, die eine Jahrhunderte alte Technik aufgreift. Doch alle vier Reimwörter sind nicht nur als reine Endreime formuliert, sie weisen zusätzlich das Phänomen des Assonanzreims auf, denn alle vier Wörter sind durch den Dipthong „ei“ miteinander verbunden. Es sind also bei genauer Betrachtung zwei Reimformen, die dem Gedicht einen klanglichen Halt verleihen. Das ist neu! Aber auch damit noch nicht genug, denn erst der reversierte Echoreim „eins“ / „meins“ rundet die Reimverbindungen im Gedicht ab.

Wenden wir uns nun den rhetorischen Mitteln zu: Die im Gedicht verarbeitete Zahlenterminologie ist unübersehbar und hat im deutschen Abzählvers eine lange Tradition. Allen bekannt sein dürfte sicherlich folgender Vers:

Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieb'n
Eine alte Frau schnitt Rüb'n,
Eine alte Frau schnitt Speck,
Schnitt sie sich den Finger weg.

In dem hier behandelten Werk hat sich der Autor jedoch wiederum für eine reversierte Form entscheiden. Sie deutet die Tradition an und löst sie zeitgleich wieder auf, denn E. Bay zählt nicht nach oben sondern nach unten. Kulturhistorisch kennen wir diese Technik erst seit dem 20. Jahrhundert (auch wenn seit der Erfindung der Sanduhr letztlich die Zeit rückwärts läuft und nicht vorwärts). Wissenschaftlich nachgewiesen wurde sie zuerst in der Belletristik der Science Fiction und hat von dort aus jedoch tatsächlichen Einzug in das tägliche Leben und sogar in die Raumfahrttechnik gehalten. Es ist der „countdown“.

Damit greift der Autor auch hier tradierte Formen auf, aber auch hier findet der Autor des Gedichtes eine Wendung, die aus der herkömmlichen Tradition herausweist. Anleihen dieser Technik finden sich bereits bei Bert Brecht:

Liedchen aus alter Zeit
Nicht mehr zu singen

Eins. Zwei. Drei. Vier.
Vater braucht ein Bier.
Vier. Drei. Zwei. Eins.
Mutter braucht keins.

Eigentlich handelt es sich beim „countdown“ um ein sehr technisches Phänomen. Ist die Zahl Null erreicht, dann – so die Definition – geht die Phase der Vorbereitung in die Phase der Durchführung über. In unserem Fall wird die Zahl Null jedoch gar nicht erreicht – zumindest nicht unmittelbar. Denn die Zahlenmagie des Textes funktioniert ja nur, da wir mit der Vorkenntnis des countdowns erahnen, wohin die Zahlenreise führt. Dort, wo wir jedoch die Null erwarten, wendet sich die Zahlenreihe ins Lyrische. Die technische Ebene wird aufgehoben und in eine sprachliche Ebene überführt: den Reim. Die logische Konsequenz im wahrsten Sinne des Wortes biegt in eine andere, jedoch genau so logische Konsequenz ab, die des Wohlklangs, des Metaphysischen der Sprache im Allgemeinen.

Was will uns der Autor damit sagen? Um das beurteilen zu können, müssen wir die Anspielung des Autors auf ein historisches Phänomen verstehen. E. Bay, geboren am Ende des 20. Jahrhunderts, hat seine künstlerische Adoleszenz also im Zeitalter der Internet-Ära. Und hier finden wir auch den richtigen Hinweis, um die historische Beziehungsgeflechte des Textes zu begreifen: Mit der massiven Verbreitung des Internets während der Jahrtausendwende wurden viele Geschäftsmodelle aus ihrer traditionellen Analogform herausgelöst und digitalisiert. Vor allem elektronische Auktionshäuser sprossen aus dem Boden und veränderten das gewohnte Kaufverhalten. Eingedenk dieses historischen Kontextes findet sich wieder ein Zitat aus der Vergangenheit: „Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten“. Nicht nur der Abzählvers steht also Pate in diesem Gedicht, sondern auch die ritualisierte Schlussformel herkömmlicher Auktionshäuser. Aber was ist anders?

Nicht weniger als das Folgende: Die technische Abfolge des Auktionierens und Bestellens mit all ihren Zahlen und Ziffern löst sich bei Bay am Ende der Gebotsphase in der Welt der Metaphysik auf. Die Zahlenlogik wird aufgehoben und in eine Ästhetik überführt. Auch hier  zitiert der Text – dieses Mal eines der schönsten und bekanntesten deutschen Gedichte überhaupt:

Friedrich von Hardenberg (Novalis)
Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren …

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die so singen, oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,

Wenn sich die Welt ins freie Leben,
Und in die Welt wird zurückbegeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit wieder gatten,

Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Mit einem Streich löst E. Bay das Rätsel um das „eine geheime Wort“, denn er nennt es nun selbst und entmytologosiert es dadurch: Es ist – „meins“.

Doch blicken wir von hier noch einmal zurück auf den Text selbst. Die bereits angesprochene Zahlenphysik des Gedichtes, den wir bereits als countdown beschreiben konnten, ist bis zum Ende des Textes hin frei von lyrischer Perspektive, von Gefühl. Um so krasser wird der Bruch hin zum letzten Wort des Textes: „meins“ ist vielleicht das lyrischste Wort überhaupt, denn das Sein in der Welt wird natürlich dadurch bestimmt, dass wir die Wahrheit der Welt in ihrer urteilsfreien Seinsweise aufgrund unserer menschlichen Eigenschaften immer in eine Wirklichkeit überführen müssen, in dessen Zentrum unsere menschliche Individualität steht, die bestimmt, wie die Wahrheit der Welt auf uns „wirkt“. „Erkenne Dich selbst“ und „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, zielen doch beide auf den Zustand ab, dass die Wahrheit der Physik uns verschlossen bleibt, da wir die Welt nur aus unserer eigenen Anschauung heraus wahrnehmen können, in derem Inneren wir selbst zuhause sind. Am Ende können wir uns also nur selbst erreichen, die Umgebung des Menschen muss uns verborgen bleiben. „Meins“ sind wir nur uns selbst.

Nun suggeriert uns dieser Text also, dass wir dieses „meins“ durch Dinge bereichern können, dass wir durch Besitz eine Meins-Erweiterung erfahren? Hier überzieht der Autor des Textes aus der Sicht des Interpreten gewaltig. Oder steckt tiefere Einsicht in dieser Wendung? Ja! Denn natürlich wissen wir lange genug, dass die Bürde der Dinge das Leben nur oberflächlich einfacher werden lässt. Vielmehr binden wir uns mit jedem Ding doch einen Stein mehr ans Bein, der unseren Gang schwer werden lässt. Wenn also der Autor sein Werk auf diesem alten Wort enden lässt, dann müssen wir die Entscheidung dafür nicht im Ding selbst, sondern im Akt des „Meins-Werdens“ suchen. Es geht in dem Text nämlich gar nicht um das „meins“, sondern um das „nicht deins“, es geht darum das eigentliche „meins“ dadurch aufzuwerten, dass das „nicht deins“ zur Freude gereicht. Es ist der spielerische Gewinn, es ist der Sieg als nicht dingliche Instanz. So erst treten die Dinge in den Hintergrund. Wie der „Besitz“ der Schachfiguren für den Sieg des Spiels keine Bedeutung hat, so hat das Ding in diesem Gedicht nichts mit dem „Meins-werden“ an sich zu tun.

Was will uns der Autor also wirklich damit sagen? Er will sagen, dass wenn das nächste Mal ein Paket von einem elektronischen Auktionshaus gar nicht bei Ihnen, sehr verehrter Leser, ankommt, dann nehmen sie es sportlich, der eigentliche „Sieg“ hat bereits stattgefunden. „Meins“ ist schon erreicht und damit das „nicht deins“ ebenfalls – und die Bürde des Dings hat noch nicht stattgefunden. Hier will uns der Autor des Gedichtes sehen und so müssen wir seine Zeilen deuten, um die Tiefe dieses Textes an die Oberfläche der Wahrheit und Wirklichkeit zugleich zu bringen. Bay zeigt uns in diesem sehr durchdachten Text die Entzückung des Kairos, des “richtigen Augenblicks”, die Ruhe des gelungenen Moments in uns selbst, frei von der Welt der Dinge.

Drei, zwei, eins... meins!

Chapeaux!

Der Rezensent Klemens Bobenhausen fügte folgenden Nachtrag an:

Der Slogan "Drei, zwei, eins... meins!" wurde von der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt entwickelt. Zwischen 2003 und 2011 wurde er von Ebay Deutschland als Werbeslogan eingesetzt. Mit der strategischen Umgestaltung des Konzerns weg vom "Flohmarkt"-Auktionshaus hin zur Amazon-Konkurrenz wird seit 2011 der ungleich unlyrischere Werbeslogan "Mein Ein für Alles" verwendet.

Grass der Post? nach oben

“Aller Anfang ist schwer” schreibt Bertram Birle, “Leiter des Direct Marketing Center Freiburg” in seinem Gedicht “Dialogmarketing”. Der Text ist so affenstark, dass wir ihn hier einfach mal bringen. Okok, vielleicht stellt Herr Birle ja sein Licht absichtlich unter den Scheffel, da er ja programmatisch den schweren Anfang lyrisch quasi allegorisch umsetzt und damit poetologisch wird. Allerdings vermute ich eher, dass wir aus dieser Feder keinen Zyklus zu erwarten haben, der Leistungssteigerung verspricht. Mal abgesehen davon, dass ich gar nicht weiß, was “Dialogmarketing” ist, bleibt bei mir nur das mulmige Gefühl übrig, dass Birles Abteilung in dem, was sie tun, über das Debütieren nicht hinauskommt. “Der Reim im Marketing” ist tot, für dieses Gedicht trifft das jetzt mal 100-prozentig zu.

Dialogmarketing

The Witcher, daktylisch nach oben

Ein wunderschönes Beispiel für eine Gamebeschreibung liefert Gamestarbarde Michael Graf in seiner Ode auf den Witcher. In vollkommener metrischer Harmonie fürt und Graf daktylisch durch die Welt des Hexers. Von doesem Dichter will ich mehr!